VISION 20005/2012
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Mit Fernstehenden vom Glauben reden – aber wie?

Artikel drucken Begeistert vom Leben erzählen

Wie soll man über den Glauben mit Leuten reden, die weit von ihm entfernt sind?
Gaspard-Marie Janvier: Ich denke, man muss zwei Wege zum Glauben unterscheiden. Der erste hat einen negativen Ausgangspunkt, die Erkenntnis des menschlichen Elends: der Sünde, der Krankheit, des Todes, der Langeweile – alles Erscheinungen, mit denen jeder konfrontiert ist. Sie können vom Glauben her mit Sinn erfüllt werden. Es ist das alte „memento mori“ der Mönche: Bedenke, dass du sterben musst. Spricht man allerdings solche Themen an, steht man schnell als Spaßverderber da, vor allem während des Urlaubs, einer Zeit des programmierten Vergnügens, wo man sich verpflichtet fühlt, glücklich zu sein. Dann gibt es den zweiten großen Weg. Er besteht darin, begeistert vom Leben zu erzählen: als etwas, das man geschenkt bekommt, für das man dankbar ist. Als Christ lebt man besser, der Christ freut sich mehr über das, was ihm zukommt, leidet weniger, wenn ihm etwas abgeht. Das ist eine weitere Möglichkeit, zum Absoluten hin voranzuschreiten. Hier hat die Kirche keine Konkurrenz zu befürchten: So sehr Wissenschaft und Politik auch behaupten, sie würden das Übel in den Griff bekommen, so sehr ist das Ja zum Leben eine christliche Spezialität. Es ist die große Stärke der Kirche, imstande zu sein, diese beiden Seiten der menschlichen Existenz ansprechen zu können.

Wieso wendet sich der Mensch heute so von Gott ab?
Janvier: Das ist ziemlich offenkundig: der Materialismus, die Vorstellung, er mache unser Glück aus. Sicher, die Menschen haben zu allen Zeiten Ver­gnügen gesucht, aber heute verfügt das Entertainment über nie dagewesene wirtschaftliche Mittel. Die Zirkus-Darbietungen nehmen einen irrwitzigen Platz ein. Pascal hat schon gesagt: Wir laufen auf den Abgrund zu, weil wir uns etwas vor die Nase halten, das uns den Abgrund übersehen lässt. Ich merke es ja an mir, etwa wenn ich dumm das Radio andrehe, um die Stille zu vertreiben. Das Entertainment ist eine Art Religion, ein Mittel, die Langeweile, den Tod, die wahren Herausforderungen zu vertreiben.

Muss man seine Sprache an den Gesprächspartner anpassen?
Janvier: Es gibt eine breite Strömung in der Kirche, die bemüht ist, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse in das Glaubensgut der Kirche zu importieren. Ich frage mich, ob es nicht besser wäre, das Gegenteil zu tun! Es steckt so viel Weisheit und Psychologie im katholischen Glauben. Man muss nur die Confessiones von Augustinus, die Kirchenväter oder die Moralisten des 17. Jahrhunderts lesen. Sie kannten die menschliche Seele wie niemand sonst. Die Kirche würde über Mittel verfügen, dieses Erbe zur Geltung zu bringen. Ein befreundeter Pastor hat mich darauf hingewiesen, welchen Vorteil wir gegenüber Protestanten haben: Durch ihre Einrichtungen, ihre Größe hat unsere Glaubensgemeinschaft ein großes Gewicht. Trotz aller Kritik – es gibt enorm viel intellektuelle Leistung von katholischer Seite, über die man sich freuen kann. Wir brauchen da Geduld. Die Ungeduld hat der Kirche schon viel geschadet. Möge doch jeder, dort wo er eben ist, seine Aufgabe als Christ erfüllen!

Gaspard-Marie Janvier ist Schriftsteller (Autor von Dernier Dimanche, 2009) und Professor für Literaturwissenschaft. Der Text ist ein Auszug aus einem Interview in Famille Chrétienne v. 4.8.12.

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