VISION 20005/2012
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Der Jugend Gottes Wort verkünden

Artikel drucken Überzeugend und vor allem froh von Gott sprechen (Von Gerhard Maria Wagner)

Die Kirche spreche die Jugend nicht mehr an, heißt es in den Medien. Allein die Weltjugendtage beweisen das Gegenteil. Im Folgenden kommt ein Pfarrer zu Wort, der diesen Text ver­fasst hat, als er eben von einem Jugendlager heimgekehrt war.
 
Die Kirche ist gefordert, wenn junge Menschen in einem Labyrinth von Meinungen und Ideologien aufwachsen. In einer Welt mit einer Fülle von Angeboten tut sich oftmals eine innere Leere auf, sodass auch Jugendliche aus einem christlichen Elternhaus den Zugang zu Glaube und Kirche nur sehr schwer finden. Junge Menschen wandern in Jugendsekten und obskure Gruppen ab, sie ziehen sich zurück in ihre eigene Enge, die vom Wohlstand geprägt ist, und kampieren im religiösen Niemandsland, wo der Glaube nur mehr als „Kraft“ gelobt und angepriesen wird.
Weil junge Menschen in der eigenen Familie oft keine Bindung mehr wahrnehmen, gehen sie in die Drogenszene und in den Alkoholismus und flüchten so auch in eine Scheinwelt, die ihr Leben ruiniert bzw. für die Transzendenz unempfänglich macht. Es ist der junge Mensch in den Fängen der Sinnlichkeit, die sich sehr bald als Heimatlosigkeit entlarvt. Und wir? Wir dürfen die wahren Probleme, die ein junger Mensch hat, nicht verharmlosen bzw. schönreden. Auch die Kirche darf nicht untätig zuschauen, wie junge Menschen um ihre Wurzeln gebracht und um ihr Leben betrogen werden. Was muss sie tun, wenn nicht den jungen Menschen lieben? In unseren Pfarrgemeinden muss diese Liebe sichtbar werden, denn Gottes Wort muss die Herzen der Jugend wieder erreichen.
In Europa ist das Christentum gegenwärtig einem starken Säkularisierungsdruck ausgesetzt, ja von einem „Rückfall in die Barbarei“ (Kardinal Brandmüller) wird gesprochen. Obwohl die Krise der Kirche in Europa, das zweifellos moralisch verwüstet dasteht, eine Krise des Glaubens ist, wächst die katholische Weltkirche, und keiner macht es besser als Papst Benedikt XVI., der die ganze Kirche sieht. Daher hat er gerade für Europa eine Zeit der Neuevangelisierung ausgerufen.
Ewiggestrige wollen die Kirche hierzulande erneuern. Nicht dass man die Ermüdeten und Erlahmten in unserem Land aufwecken bzw. die Glaubensschwachen stärken möchte, sondern man will vielmehr eine ganz andere Kirche „machen“. Während bei uns die ewig Unzufriedenen das Priestertum der Frau fordern, die Aufhebung des Zölibats und die Aufwertung der Homosexualität, kämpfen junge Menschen um ihre Orientierung. Daher sollten wir gemeinsam die Frage stellen: Wie kann der Glaube vor allem auch in den Herzen der jungen Menschen wieder neu lebendig werden? Was müssen wir tun, damit der Glaube zu einer tiefen Überzeugung kommt und zu einem Kraftquell für die Begegnung mit den Menschen wird?
Das „Jahr des Glaubens“, das am 11. Oktober 2012 im Vatikan eröffnet wird, will zur Wiederentdeckung des Glaubens beitragen, damit alle Glieder der Kirche in der Welt von heute glaubwürdige Zeugen Christi seien und die Fähigkeit erlangen, den vielen, die auf der Suche sind, die Tür des Glaubens zu zeigen.
Unsere Jugend braucht Leitbilder, um sich zu orientieren, und viele Jugendliche in unserer Pfarre suchen diese, auch wenn sie nicht laut darüber sprechen. Viel Idealismus liegt auch in der Jugend brach, und manche Sekten, die das auszunützen wissen, verlangen oft viel mehr von ihren Anhängern und geben doch viel weniger als die Kirche, die es oft nicht wagt, das ganz andere einzumahnen und zu fordern.
Auf diesem Hintergrund müssen wir erst recht deutlich machen, dass unsere Jugendlichen ein Recht darauf haben, dass wir zu ihnen überzeugend von Gott und über die von ihm geoffenbarten Wahrheiten und Weisungen sprechen. Notwendig ist dabei unsere eigene Entschiedenheit, die Courage zum unterscheidend Katholischen, wenn es um den Glauben, die Wertschätzung des Lebens und um die reine Liebe geht.
Dem widerspricht es, wenn heute oft „Berufskatholiken“ die Sexualmoral der Kirche unterlaufen, obwohl diese allein von der Absicht getragen ist, das Geheimnis des jungen Menschen zu bewahren und hochzuhalten. Während Liebe in Wahrheit Selbsthingabe bedeutet, wird sie in unserer Zeit als egoistische Erfahrung gedeutet. Zur selben Zeit läuft man gegen das Beichtsakrament Sturm, ohne deutlich zu machen, dass so das Innerste des Menschen veruntreut wird und der junge Mensch sich allein überlassen bleibt.
Wenn wir nun auf die Kirche schauen, dann ist es einerseits die heilige Kirche, die zugleich ganz arm und „zerrissen“ dasteht, der Öffentlichkeit ausgeliefert und der ewigen Kritik preisgegeben. Es ist aber auch die heilige Kirche, die nie so sehr im Gespräch war wie heute, und ebenso waren es noch nie so viele, die sich in den Dienst der Verkündigung gestellt haben. Und es sind gerade auch die vielen jungen Menschen überall auf der Welt und in den Pfarren, die zeigen, dass es der Heilige Geist ist, der in seiner Kirche wirkt, sie stärkt und inspiriert.
Es ist die Kirche, die im vergangenen Jahrhundert die größte Ausdehnung ihrer Geschichte erlebt hat. Wenn wir am Anfang des 20. Jahrhunderts südlich der Sahara schauen, dann finden wir damals zwei Millionen Katholiken, heute leben dort 130 Millionen. Waren es am Ende des 19. Jahrhunderts 266 Millionen, die als Katholiken auf dieser Erde lebten, so sind es heute mehr als 1,2 Milliarden. Sieht man sich Südkorea an, dann stieg der Anteil der Christen von 1960 bis 2010 von zwei auf 30%. Ist dort von den Priestern die Rede, dann findet man damals bloß 250, heute sind es 5.000. Diese Zahlen und insgesamt das Leben der Kirche machen deutlich, dass der Geist Gottes weht und wirkt.
Wenn in Europa heute immer wieder der Eindruck erweckt wird, dass es für die Wahrheit keine Bezugspunkte mehr zu geben scheint, so begegne ich doch immer wieder jungen Menschen, die mir zu verstehen geben, dass sie in der Kirche eine lebendige Präsenz Gottes erkennen. Es sind Menschen, die den befreienden Sinn für die Autorität der Kirche nach und nach entdecken.
Das Lehramt des Bischofs muss garantieren, dass das Zeugnis, das die Kirche für Jesus abgibt, dem Zeugnis der Apostel entspricht. Zugleich müssen wir betonen, dass es die Einheit mit dem Nachfolger Petri ist, die dem Bischof eine katholische Dimension gibt. In diesem Kontext hat dann auch der Priester den Auftrag, die Menschen in der Pfarre auf der Grundlage der Wahrheit in Einheit und Liebe zusammen zu führen.
Oft verlangt das vom Priester das Unmögliche, denn die Menschen verordnen sich heute ihre eigenen „Dogmen“ und geben sich ihre eigene Moral, auch auf die Gefahr hin, in der Intoleranz und im Sektierertum zu landen. Dass die kirchliche Gemeinschaft eine von Christus gefügte brüderliche und hierarchische Gemeinschaft ist, kommt heute nur sehr schwer zum Ausdruck.
Was mir als Jugendseelsorger immer deutlicher wurde: Junge Menschen brauchen Freude, denn sie wollen froh sein. Lassen wir sie erfahren, wo die Quellen wahrer Freude fließen, nicht in zweifelhaften Vergnügungen der Spaß- und Unterhaltungsindustrie, die einen faden Geschmack und ein trauriges Antlitz hinterlassen, sondern in der Gemeinschaft mit dem Herrn, der mit dem Gebet eine Freude schenkt, die uns keine Macht der Welt geben, aber auch keine Macht der Welt nehmen kann. Durch uns müssen Jugendliche erfahren, dass der christliche Glaube die beste Grundlage für ein frohes und menschenwürdiges Leben darstellt.
Dabei sollen junge Menschen auch durch Priester und gläubige Laienchristen die Erfahrung machen, dass es gut ist, dass wir das Evangelium in der Gemeinschaft der Kirche leben; denn in ihr haben wir Gemeinschaft mit Jesus, Gemeinschaft mit Gott. Dazu gehört auch, dass wir froh und überzeugend von Gott sprechen und von der Kirche, in der Gottes Anspruch sichtbar und hörbar werden muss. Wer immer nur den Anspruch des Priesters einschränken möchte, schadet nicht nur dem Priester, sondern sich selbst am meisten. Ebenso schadet er der Kirche.
Es ist vor allem Papst Benedikt XVI., dem es in erster Linie nicht um Formen und Methoden, sondern um eine neue Weckung des missionarischen Elans geht. Erst recht, wenn wir heute der Jugend das Wort Gottes verkündigen, müssen wir selbst offen sein für das Wirken des Gottesgeistes und aus einer tiefgehenden Gotteserfahrung leben. Nicht um die Jugend zu täuschen, haben wir neue Inhalte parat, sondern um sie zu festigen, wagen wir das Experiment einer neuen Verkündigung des Evangeliums.
Verkündigen müssen wir unserer Jugend, dass Gott treu ist und in seinem Sohn „Ja“ zu uns sagt. Als Seelsorger im Dienst der Jugend bin ich überzeugt, dass unsere Jugend spüren muss, dass sie von der Kirche geschätzt und in der Kirche gebraucht wird. Wenn wir heute neue Menschen für den Glauben gewinnen wollen, müssen wir junge Menschen dafür gewinnen. So werden wir auch in Zukunft missionarisch bleiben müssen, auch die Priester.
Dr. Gerhard Maria Wagner, ist Pfarrer in Windischgarsten/OÖ

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