VISION 20005/2012
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Mission im Gegenwind

Artikel drucken Wenn sich Eiszeiten des Glaubens ankündigen (Von Christof Gaspari)

Seit dem II. Vaticanum haben alle Päpste die Laien eingeladen, sich in den Dienst der Evangelisation zu stellen. Ob die Appelle ausreichend befolgt wurden? Eher nein, wenn man sieht, wie negativ sich die Einstellung zu Fragen des Glaubens und der Kirche entwickelt hat.

Das nachsynodale Schreiben „Ecclesia in Europa“ bietet einleitend eine Betrachtung der geistigen Situation unseres Kontinents. Ich greife nur einen Absatz heraus, der von der vorherrschenden „Trübung der Hoffnung“ auch unter den Christen spricht. Die Diagnose lautet: der Säkularismus sei im Vormarsch. Und daher gelinge es „nicht mehr, die Botschaft des Evangeliums in die Alltagserfahrung einzubeziehen. In einem gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld, wo dem christlichen Lebensentwurf ständig Trotz und Bedrohung begegnen, wird es immer schwieriger, seinen Glauben an Jesus zu leben. In vielen öffentlichen Bereichen ist es einfacher, sich als Agnostiker denn als Gläubigen zu bezeichnen; man hat den Eindruck, dass sich Nichtglauben von selbst versteht, während Glauben einer gesellschaftlichen Legitimation bedarf, die weder selbstverständlich ist, noch vorausgesetzt wird.“
Diese Diagnose liegt mittlerweile ein Jahrzehnt zurück. Heute muss man feststellen, dass der Wind rauer geworden ist. Es mehren sich die Ereignisse, in denen eine Feindschaft der Botschaft Christi, der Kirche gegenüber zum Ausdruck kommt. Dazu ein paar Schlaglichter aus den letzten Monaten: Im August sägt eine barbusige Frau der Protestbewegung „Femen“ in Kiew ein großes Holz-Kruzifix um und posiert an dessen Stelle mit ausgestreckten Armen: Protest gegen den Urteilsspruch im Prozess gegen die Punkgruppe „Pussy Riot“ in Moskau. Sie hatte ihrerseits im Februar in der Moskauer Erlöser-Kathedrale eine Protestaktion gegen das Naheverhältnis von Kirche und Staat in Russland durchgeführt.
Ebenfalls im August gingen in den USA die Wogen hoch, weil der Firmenchef einer Fast-Food-Kette, Dan Cathy, in einem Interview öffentlich erklärt hatte, er bekenne sich zur christlichen Ehelehre. Daraufhin distanzierten sich zahlreiche Politiker von ihm, eine Partnerfirma kündigte die Zusammenarbeit auf, Universitäten verbannten die Lokale von ihrem Campus.
Im Juli wiederum war auf „Spiegel Online“ folgender Kommentar zu dem im September stattfindenden „Pro-Life“-Marsch in Berlin zu lesen: „Belehrende Religiöse, ich wünsche euch riesengroße Kuhfladen auf den Kopf und Räder an die Füße genagelt. Menschen, die ihr anderen euer Leben aufzwingen wollt, geht alle in die Sauna und schwitzt den Mist aus euch. Kehrt zurück ins Leben, als wahre Gutmenschen, die begriffen haben, dass die Höchstform menschlichen Daseins bedeutet: Klappe halten und andere mit liebevoller Nachsicht betrachten.“ (7. Juli) Kommentar einer bekannten deutschen Autorin.
Ähnlich derbe Äußerungen hatte sich im Juni ein Schweige-Gebetsmarsch in Wien anzuhören, der gegen die Regenbogenparade protestierte. Die Gegendemonstranten schrien: „Hätt´ Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben!“, „Der Papst ist ein Schwein“, „Jesus im Herzen, Scheiße im Hirn“.
Oder im Mai: In Südfrankreich werden Gräber vandalisiert und mit anti-christlichen Parolen beschmiert; in Sachsen wird auf einem Friedhof eine zwei Meter hohe Jesus Statue geköpft und zerstückelt; ein 64-jähriger Arzt verliert seinen Job in einem englischen Spital, weil er seine Kollegen mit einem Gebet des heiligen Ignatius via Rund-Mail „belästigt“ hatte.
Zur Abrundung noch Meldungen vom April: Der irische Justizminister bringt einen Gesetzesentwurf ein, der vorsieht, dass Priester mit fünf Jahren Gefängnis bestraft werden können, sollten sie einen in der Beichte erfahrenen Kindesmissbrauch nicht der Polizei melden; in Neuchâtel/Schweiz findet eine Ausstellung statt zum Thema: „War Christus möglicherweise schwul?“; in Couvin/Belgien werden die Tore mehrerer Kirchen mit dem Text „Religion ist Opium des Volkes“ besprayt; in Rennes/Frankreich wird ein Lehrer, der mit seiner Klasse ein Museum besuchen will, mit der Begründung abgewiesen, für katholische Privatschulen gäbe es keinen Zutritt…
Soweit ein Ausschnitt aus dem Geschehen der letzten Monate. Wen Näheres interessiert, kann auf der „www.intoleranceagainstchristians.eu“ nachlesen.
Was ist an diesem Überblick bemerkenswert? Dass die anti-christlichen Maßnahmen und Vorkommnisse die unterschiedlichsten Formen annehmen, international breit gestreut auftreten, im allgemeinen von den großen Medien nicht aufgegriffen, geschweige denn angeprangert werden und daher weitgehend unbemerkt über die Bühne gehen. Als Christen spüren wir zwar in persönlichen Gesprächen, dass die Kritik an der Kirche deutlich vehementer wird, aber dass diese Ablehnung sich – wie angedeutet – auch zunehmend in aggressiven Handlungen und Reaktionen äußert, ist wohl den Wenigsten bewusst.
Natürlich mag sich jetzt mancher von Ihnen, liebe Leser, fragen, ob die angeführten Schlaglichter ein guter Einstieg in einen Artikel sind, der letztendlich die Intention verfolgt, im Jahr des Glaubens zu intensiverem missionarischen Engagement zu motivieren. Ich denke, sie sind notwendig. Die Kirche muss sich Klarheit darüber verschaffen, in welchem Umfeld sie agiert. Die „Zeichen der Zeit“ zu lesen war Auftrag des II. Vaticanums, „Ecclesia in Europa“ hat diese Anliegen aufgegriffen und eine nüchterne Situationsanalyse durchgeführt. Dass sich die Lage in der letzten Dekade verschärft hat, dass aus einem weitverbreiteten Desinteresse eine latente Feindschaft geworden ist, stellt uns Christen vor die Frage: Haben wir die Empfehlungen des päpstlichen Schreibens ausreichend ernstgenommen?
Dort werden die Gläubigen nämlich eindringlich dazu aufgerufen, ihren Glauben zu bekennen und Zeugnis von ihrer Hoffnung zu geben, ihr „kostbarstes Gut anzubieten“: „den Glauben an Jesus Christus, Quelle der Hoffnung, die nicht enttäuscht, eine Gabe, die der geistigen und kulturellen Einheit der europäischen Völker zugrunde liegt und die noch heute und in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Entwicklung und Integration darstellen kann. Ja, nach zweitausend Jahren stellt sich die Kirche am Beginn des dritten Jahrtausends mit der immer gleichen Botschaft vor, die ihren einzigen Schatz bildet: Jesus Christus ist der Herr; in ihm und in keinem anderen ist das Heil…“
Was mich betrifft, muss ich ehrlich gestehen, dass ich diesbezüglich einigermaßen versagt habe. Sicher, ich werde in unzählige Gespräche verwickelt, in denen es um Fragen geht, die einen religiösen Bezug haben. Das schon. Aber wie spielt sich das dann meistens ab? Im allgemeinen werden einem in Gesprächen oder Diskussionen die üblichen heißen Eisen entgegengehalten.
Und die Reaktion? Ich lasse mich in eine Debatte ein, halte dem Gesprächspartner verschiedene Argumente entgegen, weise auf Untersuchungsergebnisse und Befragungen hin, versuche, ihn von der Richtigkeit der kirchlichen Lehre zu überzeugen um letztendlich festzustellen, dass dies – augenscheinlich zumindest – keinen besonderen Effekt gehabt hat. „Mag sein, so kann man es vielleicht auch sehen…“ bekommt man dann bestenfalls zu hören, „aber…“
Besonders gravierend ist der Umstand, dass sich solche Gespräche meist unter Kirchen-Insidern, sogenannten Liberalen und Konservativen abspielen, und somit eigentlich gar nichts mit wirklicher Mission zu tun haben. Nach Jahrzehnten des „Dialogs“ ist es an der Zeit, sich nicht mehr mit dieser „innerkirchlichen Mission“ zu verzetteln, sondern die wirklich Fernstehenden anzusprechen. Es gibt ja so viele, die kein Kreuzzeichen machen können, kein Vaterunser kennen, kaum wissen wer Jesus Christus ist…
In dieses Vakuum gilt es, die Botschaft zu bringen. Das gelingt aber nicht, wenn wir immer nur im Saft der innerkirchlichen Debatten schmoren. Treffen nämlich „Papsttreue“ aufeinander, so wird nur allzu leicht ein Klagelied angestimmt. Wie schlecht doch alles läuft! Die Auseinandersetzungen in der Kirche werden wieder und wieder beklagt: „Was der Priester XY wieder gesagt hat!“ und noch einmal wird über wiederverheiratete Geschiedene, den Zölibat, die Sexuallehre, und, und gesprochen. Und für die Welt bieten wir Christen, insbesondere wir Katholiken das Schauspiel, ewig nur zu moralisieren, immer um dieselben Fragen zu kreisen, mit zusammengebissenen Zähnen und äußerster Kraftanstrengung dem Gegenwind des Zeitgeistes gerade noch standhalten zu können – aber wie lange?
Dass der Christ in seinem Umfeld nicht unbedingt wie der Fisch im Wasser, lebt haben Generationen von Glaubensgeschwistern im Römischen Reich, im islamischen Raum, in Nazi-Deutschland, im kommunistischen Osten erfahren müssen. Dort überlebte nur der Glaube, der persönliche in Gott verankert war. Mag sein, dass der rauere Wind, der uns heute entgegen bläst sogar eine Chance ist, unseren Glauben zu vertiefen und so zum Zeichen der Hoffnung für eine Welt zu werden, die Abschied von Gott zu nehmen scheint.
„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt,“ (1Petr. 3,15) ermahnt uns der Apostel Petrus. Dazu müssen wir im Jahr des Glaubens finden: Es gilt, diese Hoffnung, von der auch „Ecclesia in Europa“ spricht neu in uns zu wecken, weiter wachsen zu lassen, neu zu beleben – damit sie ausstrahlt. Die missionarische Wirkung des kommenden Jahres wird umso intensiver sein, je radikaler wir uns Jesus Christus zuwenden. Denn Er, Sein Heiliger Geist, ist der eigentliche Missionar. In dem zunehmend ablehnenden Umfeld wird es nicht so sehr darum gehen, in Diskussionen Siege zu erringen, sondern darum, in unserem Umfeld durch unsere Art, unsere Haltung „frag-würdig“ zu werden.
Denn eines ist auch klar: So sehr der Zeitgeist sich am Glauben und an der Lehre der Kirche reiben mag, so wenig machen seine „Errungenschaften“ den Menschen unserer Tage glücklich. Wohin man schaut: gescheiterte Beziehungen, Stress, Depression, Einsamkeit, Gefühle der Sinnlosigkeit… So kann der Mensch nicht leben. Letztlich hält jeder Ausschau nach einer hoffnungsvollen Perspektive, die über Sex, Konsum, Unterhaltung, Karriere hinausgeht.
Je mehr wir uns also selbst von Christus, dem einzigen Retter, erfassen und erfüllen lassen, umso mehr werden wir nach der Hoffnung gefragt werden, die uns erfüllt. Dann ist der Moment gekommen, von Ihm, der gestorben und auferstanden ist, der also den Tod besiegt hat, Zeugnis zu geben. Dass Er unser Leben verändert hat, dass Er uns im Alltag nahe ist, dass Er uns tröstet, aufrichtet, Kraft gibt, die Mühsal des Alltags zu tragen – und dass Er uns ein wunderbares, ewiges Leben bereithält, das jetzt schon begonnen hat…
Und was ist mit den Gesprächen über die „heißen Eisen“? Lassen wir die damit verbundenen Anklagen geduldig über uns ergehen (siehe Portrait S. 14-16). Es kommt dann vielleicht (wahrscheinlich?) im Gespräch der Zeitpunkt, einen Perspektivenwechsel durchzuführen. „Stimmt, über vieles kann man streiten – aber… geht es nicht um wesentlichere Fragen, die uns unmittelbar betreffen?“ Und möglicherweise – ein Stoßgebet zum Heiligen Geist ist spätestens an dieser Stelle angebracht – lässt sich dann die eine oder andere eigene Erfahrung mit Jesus Christus einbringen: ein Zeugnis der Hoffnung, die uns erfüllt!

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