VISION 20005/2012
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Herr über das Gerät bleiben

Artikel drucken Über den Umgang mit Handy, Internet und Co

Im Wald, in der U-Bahn: das Han­dy ist allgegenwärtig und in Be­trieb: am Ohr, als Spielzeug in der Hand. Es klingelt in Kaufhäusern und Kirchen, macht Fotos, weist als Navi den Weg. Gedan­ken zur Kommunikationstechnik heute:

Ein merkwürdiges Ereignis hat die Neujahrsfeiern 2011 geprägt. Gegen Mitternacht haben viele Leute ihre Neujahrswünsche per SMS über ihre Handys an ihre Freunde verschickt. Das ist ja mittlerweile Routine geworden. Durch eine bis heute ungeklärte Panne wurden diese Nachrichten vervielfältigt. Dieser oder jener Freund hat 60mal dasselbe empfangen. Andere SMS wurden technisch wie MMS (was teurer ist) behandelt. Und all das musste bezahlt werden.
Aufgeschreckt haben einige sich beim Telefonbetreiber, der den Fehler verursacht hatte, nach ihrer Rechnung erkundigt, um festzustellen, dass diese geradezu explosionsartig angestiegen war und dass sie bis zu 400, ja 500 Euro für den Monat zu berappen hätten – eine technische (wenn auch traurige) Version der Brot- und Fischvermehrung.
Dieses Missgeschick hat mich nachdenklich gestimmt. Eigentlich ist es gar nicht so lustig, wenn man sieht, wie jedermann sich auf sein kleines Gerät stürzt, um Nachrichten herunterzuklappern (und jene zu inspizieren, die er bekommen hat). Man könnte sich in Erinnerung rufen, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass man – mangels Handy – jenen ein gutes neues Jahr wünschte, die eben anwesend waren (den Nächsten also) und dass man am folgenden Tag andere anrief oder ihnen Neujahrswünsche schrieb, die man per Post verschickte.
Und dann haben wir eben gebetet. Und ich habe niemals gehört, dass Jesus und Maria unsere Gebete, unsere Zuwendung, unsere Freundschaft vervielfältigten, um sie 50 Personen statt einer zukommen zu lassen – um uns dann eine Rechnung zu schicken!
Was ist das für eine Welt, in der die Technik (und das nicht nur, wenn die Maschinerie durchdreht) uns zur Staffage degradiert? Ich habe nichts gegen das Handy oder das Internet. Ich verwende beide selbst. Ich hatte übrigens auch keine andere Wahl. Im Umfeld meiner persönlichen Bekanntschaften und beruflichen Kontakte ist mir vor etwa 10 Jahren klar geworden (man hat es mir zu verstehen gegeben), dass ich auf all das nicht mehr verzichten könne.
Also habe ich die Apparate angeschafft, die Tarife bezahlt. Und ich weiß, dass das auch nützlich ist. Was ich mir allerdings wünsche: dass der Mensch Herr über das Gerät bleibt. Wir sind es, die entscheiden – und nicht die von der Maschine ausgehende Verlockung (wenn nicht sogar der von ihr ausgeübte Zwang oder die Abhängigkeit von ihr). Und im Kielwasser der Maschine segelt die unermüdliche Aktivität jener, die mittels verführerischer Werbung, immer günstigerer Pauschalpreise, stets „neueren Generationen“ von Apparaten, die noch mehr als ihre Vorgänger können, den Markt aufbereiten, um uns Geld und wieder Geld aus der Tasche zu locken – und gleichzeitig unsere Gewohnheiten, Sitten und Gebräuche, ja sogar die Vorstellung, die wir uns von der Beziehung zu unseren Mitmenschen machen, zu verändern!
Der Nächste, der wahre Mitmensch, ist da, physisch anwesend. Ja, er bereitet uns manchmal Ärger, ist mühsam, verletzend. Aber dann, wenn man sich ihm zuwendet, kann er unser Staunen erregen. Vielleicht bewahrt er uns auch vor der Einsamkeit, davor, vom Weg abzukommen, indem er uns auf den Boden der Realität zurückholt, uns unser Fehlverhalten verzeiht.
Der Andere heißt in der Terminologie Christi der Nächste. Er fordert Aufmerksamkeit, Geduld, viel Nachsicht und Liebe. Wie alle anderen, bin auch ich dazu nicht wirklich imstande. Aber ich bin täglich eigentlich mehr und mehr davon überzeugt, dass die Liebe, von der Christus spricht, 100.000mal mehr zählt als jene Wunder (es gibt jetzt tatsächlich einen wahren Wettlauf des Wunderbaren), die uns iPhone und andere käuflichen Gadgets bescheren.
François Taillandier

Der Autor ist französischer Schriftsteller, sein Beitrag ist Famille Chrétienne v. 15.-21. 11 entnommen.

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