VISION 20006/2013
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Aus der Finsternis ins Licht

Artikel drucken Die Menschen näher zu Gott führen (Georg)

Wie Christus das Leben verändert, welche Hoffnung Er in Men­schen weckt, die aus finstersten Lebensumständen kommen, er­leben jene, die in der Gemeinschaft Cenacolo von ihren Süchten befreit werden. Zeugnis eines dort Geheilten:

Welche Gnade ist es doch, im Cenacolo leben zu dürfen. Ich bin wirklich privilegiert, in dieser Gemeinschaft zu leben. Natürlich ist es nicht einfach, mit vielen anderen so eng zusammen zu leben. Aber der christliche Weg ist nun einmal so: eben nicht einfach. Er soll es auch gar nicht sein. Schließlich sollen wir ja wachsen, vorankommen.
Wenn wir zurückdenken und fragen: Wann bin ich im Leben weitergekommen? Das waren sicher nicht die Phasen, in denen alles glatt gelaufen ist. Sind es nicht die Krisen, die uns wachsen lassen? Die Zeiten, in denen es scheint, als wären alle Türen zu? Wo man glaubt: Gott ist weit weg und kein anderer Mensch ist da?
Ich habe diese Erfahrung gemacht, als ich nach 15 Jahren Alkohol in die Psychiatrie gekommen bin, um einen Entzug zu machen. Und ich habe solche Momente in der Gemeinschaft erlebt – und ich erlebe sie heute noch, Momente, in denen du allein dastehst, nichts mehr hast, an dem du dich anhalten könntest. Wenn du das durchstehst, weißt du, dass es die Zeiten sind, in denen dich Gott ganz durchträgt. Man merkt es oft erst im nachhinein: Da war mir Gott besonders nah.
Für solche Erfahrungen bin ich dankbar: Sie geben mir Sicherheit auf meinem Weg – und eine gewisse Gelassenheit. Denn ich weiß, bei der nächsten Schwierigkeit werde ich es schaffen, weil Gott da ist: Bin ich krank – Er ist da. Bin ich in irgendeiner schweren Situation – Er ist da. Er ist für mich da – Er ist für alle Menschen da.
Erst in der Gemeinschaft Cenacolo ist mir diese Wahrheit so richtig bewusst geworden. Der Glaube – was für ein großes Geschenk! Er vermag immer wieder neu, die Finsternis, die sich breitmacht, in Licht zu verwandeln, die Traurigkeit in Freude. Darum ist auch der Leitsatz unserer Gemeinschaft: „Von der Finsternis ins Licht“ – „dalle Tenebre alla Luce”.
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Einmal wurde ich gefragt, wie man Mutter Elvira, unsere Gründerin, in drei Worten beschreiben könnte. Natürlich weiß ich, dass man Mama Elvira auch in langen Abhandlungen nicht wirklich erfassen könnte. Man muss sie sehen, um eine Ahnung zu bekommen, wer sie ist, ihre Ausstrahlung, dieses „in Gott Sein“ erlebt haben. Kürzlich habe ich es wieder erlebt: Sie kann zwar mittlerweile nicht mehr viel reden und doch ist es unfassbar, wie die Liebe Gottes durch sie fließt. Sie geht unter die Leute, segnet, umarmt sie. Man kann sie gar nicht zurückhalten, wenn sie auf jemanden zielstrebig zugeht, weil sie diesen umarmen oder ihm in die Augen schauen muss.
Zurück zu den drei Worten, mit denen man Mutter Elvira, die geradezu explodiert vor Freude, Christ zu sein, am besten beschreiben kann: Glaube, Freude, Mama. Und wenn ich Mama sage, muss ich fast weinen. Mama – was für ein starkes Wort! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Mama… Da ist alles drinnen: verzeihen, annehmen, bereit sein, Opfer zu bringen, schwere Momente durchstehen, das Gute auch in schwierigsten Zeiten zu sehen, ein Kind, bei dem alles daneben zu gehen scheint, nicht aufzugeben…
Eine Mama ist dazu da, um alles, was eine Familie so mit sich bringt, aufzusaugen und im Herzen zu wandeln, um dann wieder Hoffnung zu geben, Mut zu machen. Wenn du aus der Schule kommst und alles ist schief gelaufen – eine Mama schafft es, dich wieder aufzurichten. Und darum halte ich mich auch immer bei der Gottesmutter an. Bei ihr finde ich das Geborgensein bei der Mama. Wenn ich einmal ins Paradies komme – was ich hoffe –, so wird das Erste sein, was ich tue: Meine Mama richtig zuwidruck’n.
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Mutter Elvira wusste zuerst nicht, was sie den Jugendlichen weitergeben könne. Das einzige war: Für sie da zu sein, sich selbst zu verschenken. Und genau das ist heute auch unser größter Auftrag. Mit dem Predigen kannst du niemanden bekehren, auch nicht mit Strategien und Konzepten. Das einzige, was zählt – und das haben wir von Mutter Elvira gelernt –, ist das „in Gott Sein“, ohne dabei den Kontakt zur Erde zu verlieren.
Als Mutter Elvira die ersten Drogensüchtigen aufgenommen hat, geschah dies, weil es in ihrem Herzen brannte. Hätte sie diesem Brennen nicht Rechnung getragen, weil sie so viele andere Sachen zu tun gehabt hat,  wäre ich heute nicht da. Hätte sie dem Brennen nicht im Glauben geantwortet, gäbe es kein Cenacolo.
Als sie damals  durch Turin gegangen ist und sah, wie die verwahrlosten Jugendlichen auf den Straßen herumlungern, keine Arbeit haben, Drogen nehmen – da hat ihr Herz gebrannt. Sie konnte einfach nicht das Gesehene verdrängen. Sie musste Antwort geben. Und das verstehe ich auch als meinen persönlichen Auftrag und als Auftrag jedes Christen: Wir müssen dem Brennen unseres Herzens nachgeben.
Schon in den ersten Begegnungen mit Drogensüchtigen hat Mutter Elvira erkannt: Das Problem sind nicht die Drogen, der Alkohol oder andere Dinge. Sicher, all das trägt zur Misere bei, aber das wirkliche Grundproblem ist die Leere im Herzen des Menschen. Wer Freude empfindet und einen Sinn im Leben sieht, braucht keine Drogen.
Mutter Elvira meint, dass die vielen Bedürfnisse, die die Menschen heute haben, die Herzen zerfressen. Aus menschlicher Sicht lässt sich das auch nicht sanieren. Das geht nur mit der Hilfe Gottes. Denn der, der die Herzen geschaffen hat, ist auch der einzige, der sie wieder in Ordnung bringen kann. Wie könnte es sonst sein, dass einer, der 14 Jahre lang Drogen genommen hat, ins Leben zurückfindet, um 6 Uhr in der Früh aufsteht, Rosenkranz betet, um zwei Uhr nachts aufsteht zur Anbetung? Diesen Weg hat Mutter Elvira entdeckt: Ich muss schauen, dass ich die Menschen näher zu Gott bringe.
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Verzichten zu können, beschert die Erfahrung der Freiheit. Wer aufgehört hat zu rauchen, der macht die Erfahrung, wie fantastisch es ist, nicht mehr rauchen zu müssen. Und diese Erfahrung machen auch wir in der Gemeinschaft. Wenn du viele Dinge nicht mehr haben musst, entsteht eine große Freiheit. Wenn du nein sagen lernst, entsteht eine immense Kraft. Auch wenn man dann belächelt wird, weil man auf Dinge verzichtet, die für andere selbstverständlich sind, merke ich doch: In Wirklichkeit ist bei vielen eine große Sehnsucht nach so einer Freiheit da. An den Leuten, die zu uns kommen, merkt ich es: Da gibt es eine große Neugier, wie man so leben kann wie wir und eine verborgene Sehnsucht, über die vielleicht ein großes Gestrüpp gewachsen ist. Die Menschen suchen die Reinheit des Herzens, das nicht dauernd von Bedürfnissen gelenkt wird.
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Wenn  ich in eine Schule komme, um Zeugnis zu geben, dann gebe ich den Schülern immer zwei Hausaufgaben auf. Die erste: Frag dich, ob du ein ehrlicher Mensch bist. Und: Wenn du heimkommst, umarme die Mama und den Papa. Das ist so wichtig. Ich merke das bei den Burschen. Wir reden über so viele „wichtige“ Dinge. Aber das, was wirklich zählt, sind diese Kleinigkeiten.
Wir hatten kürzlich ein Elterntreffen und dann habe ich einen der Burschen gefragt: „Was hat dich am meisten berührt?“ Seine Antwort: „Zu sehen, wie der Papa die Mama bei der Hand gehalten hat…“ Und: „Mein Papa hat für mich aufgehört zu rauchen…“ „Weißt du was? Beide beten jetzt miteinander den Rosenkranz!“ Wo gebetet wird, verändert sich wirklich etwas. Dort wächst dann die Freude des Glaubens. Dann können Mütter wieder Mütter sein und Väter werden zu Vätern. Dann gibt es auch – wenn Gott das Zentrum ist – Geborgenheit in den Familien. Wo Gott Platz eingeräumt wird, eröffnet sich auch für den Menschen ein Platz.
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Als ich nach sechs Wochen im Cenacolo in der Kapelle gekniet bin mit 50 Tonnen auf der Brust: Die ganze Vergangenheit steigt in dir hoch, die Burschen, mit denen du gesoffen hast und die bei dem Autounfall gestorben sind, wie die Mama geheult hat, wenn sie dich am Telefon gehört hat…  Schuldgefühle, über Schuldgefühle. Geweint habe ich damals aber nicht wegen der Schuldgefühle – die hatte ich ja zurecht –, sondern weil mir bewusst war: Gott liebt mich trotzdem. Und das ist das Zentrum der Gemeinschaft Cenacolo: die Botschaft, da ist ein Gott, der dich liebt, der dich annimmt, so wie du bist, dick, dünn, groß, klein, arm, reich, alt, jung… Gott liebt uns. Und das ist das größte Privileg, für das es sich lohnt zu kämpfen, sein Leben einzusetzen – auch zu leiden und Opfer zu bringen.                            


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