VISION 20006/2013
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Vergebung bringt Heilung

Artikel drucken Schwester Donata Uwimanipaye im Versöhnungsdienst nach dem Völkermord in Ruanda (Von Alexa Gaspari)

Mehr als eine Million massakrierter Ruandesen – Bilanz des entsetzlichen Völkermordens zwischen Hutus und Tutsis im Jahr 1994. Können die Beteiligten so etwas vergessen oder gar vergeben? Wie kann man weiterleben mit Hassgefühlen, Verzweiflung, Trauer, tiefer Depression? Weil die Menschen in Ruanda dringend Versöhnung brauchen, hat Sr. Donata Uwimanipaye die Gemeinschaft der „Missionarinnen des Friedens“ gegründet. Sie eröffnet ihren Landsleuten damit einen Weg, sich in Christus zu verankern und einander zu verzeihen. Über all das und über ihr Leben habe ich mit dieser eindrucksvollen, liebevollen Frau gesprochen, als sie in Wien auf Spendensuche war.
Sr. Donata kam im Norden Ruandas als eines von 10 Kindern einer katholischen Familie gegen Ende der 50-er Jahre auf die Welt. Noch vor ihrer Geburt hatte ihre Mutter sie der Jungfrau Maria geweiht. Die Familie versäumt keinen Sonntag die Hl. Messe. Ihren Glauben geprägt haben aber nicht nur die Eltern, sondern auch Ordensschwestern, bei denen sie ihre schulische Ausbildung erhielt. Schon gegen Ende ihrer Volksschulzeit fühlt sich Donata  zu den Heiligen hingezogen. Am Festtag ihrer Namensheiligen bittet sie daher, die Schule für ein paar Stunden verlassen zu dürfen, um in der zwei Fußstunden entfernten Kirche beten zu können!
War ein so langer Fußmarsch nicht gefährlich? „Ungefährlich war es nicht. Wenn wir sonntags um 7 Uhr Früh in der Messe sein wollten, mussten wir auch um 5 Uhr bei Dunkelheit auf schmalen Fußwegen über Berg und Tal losmarschieren. Aber wenn ich an meinem Namenstag in die Kirche gehen wollte, gab es immer jemanden aus der großen Familie, der mich begleitet hat.“ Wow, welcher Bruder würde das hierzulande für sein Schwesterl tun?
Ihr Abschlusszeugnis befähigt sie dann, ab 1977 in einer Volksschule zu unterrichten. Nachdem sie Bekanntschaft mit der charismatischen Glaubenserneuerung und der Legio Mariae gemacht hatte, fühlt sie sich mit 24 Jahren zu einem Leben im Kloster berufen. Daher verlässt sie 1981 ihr Elternhaus und tritt bei den „Töchtern der Jungfrau Maria“, dem ersten Frauenorden Ruandas, ein.
Es ist das Jahr, in dem die kirchlich anerkannten Erscheinungen der Muttergottes in Kibeho beginnen. „Es war ein besonderes Jahr. Wir waren bei einigen Erscheinungen dabei. Folgende Botschaft gaben uns die Seher weiter: Es liege an unserer Generation, unsere Kultur, unsere Bräuche und unseren christlichen Glauben zu reformieren. Und sollten wir nicht jetzt fasten, müssten wir es später gegen unseren Willen tun. Natürlich wollten wir die Geschichte unseres Landes zum Besseren verändern Aber wir dachten dabei an später, verstanden nicht, dass wir uns sofort ans Werk machen sollten. Sonst würde es, wie die Muttergottes sagte, zu spät sein. Wir in Ruanda haben die Lage nicht richtig erkannt, die Botschaften zu wenig ernst genommen, uns nicht gefragt: Wie soll ich mich ändern? Auch die Leute in der Regierung haben nicht erfasst, dass auch sie fasten und umkehren sollten.“
Und sie ergänzt nachdrücklich: „Der Genozid hat uns gezeigt, dass der Teufel mächtig ist und nicht unterschätzt werden darf. Wir hatten ihm Lücken und Türen offen gelassen. Der Teufel ist aber nicht stärker als Gott. Heute sollen wir das bezeugen, dazu leben wir: Die Kultur des Todes, die der Teufel verbreitet, ist nicht stärker als die Kultur des Lebens, die von Gott ist.“
Tatsächlich gärt es ja schon lange zwischen den beiden Stämmen im Land, den Tutsis und Hutus. Und so tritt alles, was die Muttergottes vorhergesagt hatte, dann 1994 ein: Es kommt zum wahren Völkermord. Am Beginn des Jahres wird die junge Schwester allerdings von ihrem Orden zur Ausbildung nach Freiburg in die Schweiz geschickt. Und am 6. April – dem Tag, an dem der Präsident Ruandas, ein Hutu, von Tutsis ermordet wird und die Katastrophe beginnt – ist Sr. Donata gerade in Taizé, um andere Arten der Glaubensverkündigung kennenzulernen. Im Rückblick auf das Ereignis erzählt sie mir: „Schon an diesem Tag, habe ich im Gebet gespürt, wie entsetzlich es weitergehen würde. Es war klar, dass die Ermordung des Präsidenten schreckliche Folgen haben würde. Wenn Gott mich davor bewahren wollte, hieß das für mich, dass mir eine Aufgabe für die weitere Geschichte des Landes zukommen würde.“ Daher beginnt sie sobald als möglich mit einem speziellen spirituellen Weg, der sie zu den späteren Friedens-Initiativen führen wird.
Damals überträgt sich das Chaos in Ruanda auf die Beziehungen der Ruandesen in der Schweiz. Die Stimmung unter ihren Landsleuten ist angespannt. Von der Familie daheim keinerlei Nachrichten. In dieser Situation der Ungewissheit wird Gott immer mehr zum einzigen Fixpunkt. In allen Belangen verlässt sie sich auf die Führung des Heiligen Geistes.
Wie aber erging es ihrer Familie bei den Massakern, frage ich. Der Vater, zwei ihrer Schwestern und ein Bruder ihres Vaters waren ermordet worden, erfuhr sie später. Und von ihrem einzigen damals noch lebenden Bruder fehlt seither jede Spur. „Meine Mutter hatte das ‚Glück’, vor dem Genozid eines natürlichen Todes zu sterben,“ erzählt die Schwester mit traurigem Lächeln, um gleich hinzuzufügen: „So schrecklich diese Nachrichten waren, sie bestärkten mich darin, später etwas für die Versöhnung der Menschen zu tun.“
In den folgenden Jahren konzentriert sich Sr. Donata in der Schweiz auf ihr Studium und auf ihre kommende Aufgabe. 1998 erhält sie die Gelegenheit, sechs Monate lang in den USA eine Ausbildung beim „Iowa, Nebraska Peace Institute for Mediation“ mitzumachen. Dabei nimmt sie in Schulen und Gefängnissen an der Mediation bei schweren Konflikten teil. „Ich wollte ja einmal den Zyklus der Gewalt in unserem Land beenden helfen,“ erklärt sie. Zurück in der Schweiz beendet sie ihr Studium in allgemeiner und klinischer Psychologie sowie in Theologie mit einer Masterarbeit.
2001 kommt sie endlich nach Ruanda zurück. Hier sind die Menschen unversöhnlich, depressiv, mut- und kraftlos. Die Vergangenheit ist nicht aufgearbeitet, die Jugend außerstande zu lernen. Die Jungen sind aber wenigstens noch ansprechbar. „Ihr habt überlebt, ihr müsst nun leben – aber besser, habe ich den Jungen gesagt,“ erzählt mir die Schwester. Eigentlich möchte sie all das, was sie sich erarbeitet und erbetet hat, sofort für den Frieden im Land umsetzen. Ihr Orden jedoch setzt sie zunächst als Direktorin einer Mittelschule ein. Noch während sie diesen Posten – bis 2009  – inne hat, beginnt sie mit der Gründung einer neuen Gemeinschaft: der „Missionarinnen des Friedens von Christus, dem König“.
Dazu erklärt sie: „Unser Land war schon 1946 Christus geweiht worden. Wir hatten also einen Bund mit Christus, dem König. Ich hatte mich daher gefragt: Was hat uns gefehlt, dass diese Katastrophe möglich gewesen war? Warum das unbarmherzige Morden? Waren wir nicht ein Land mit mehr als 80 Prozent Christen gewesen? Die Antwort: Wir standen nicht genug mit Gott in Verbindung, hatten uns also nicht genug mit Ihm verbunden gefühlt. Daher hatten viele gemacht, was die Obrigkeit angeordnet hatte: ‚Man hat uns gesagt wir müssten die anderen umbringen, weil sie uns sonst töten würden’, haben die Mörder nachher gesagt. ,Also haben wir es gemacht.’ Sie hatten einfach kein funktionierendes Gewissen. Wir mussten also bei der Gewissensbildung ansetzen, brauchten eine neue Evangelisation, mussten mehr in die Tiefe gehen, richtig im Gebet verankert sein. Das könnte unser Land retten. Der Frieden kommt nicht aus dem Nichts, nicht von den Politikern. Friede kann nur von Gott kommen.“
Weil die Priester noch nicht in die ländlichen Gebiete zurückgekehrt sind und es dort auch kaum mehr Schwestern aus ihrem eigenen Orden gibt, wendet sie sich an die Katechisten, sie mögen das Allerheiligste in der Kirche aussetzen. Als die Menschen das erfahren, kommen sie in Scharen: Beim Herrn fühlen sie sich sicher. So beginnt etwas aufzublühen: die erste Gemeinschaft der „Missionarinnen des Friedens“ wird gegründet. Eine zweite entsteht am Schulort. Es sind vor allem junge Leute, die zum Gebet für den Frieden zusammenkommen.
Um den Kontakt zwischen beiden Gruppen aufrecht zu erhalten, muss sie größere Strecken zu Fuß gehen. Manchmal wird sie dabei von Jungendlichen begleitet. „Wieweit denn?“ frage ich. „Na ja, über die Straßen sind es 100 Kilometer.“ Ich bin fassungslos! „Nein, nein,“ lacht sie, „Ich gehe ja nicht über die Straße, sondern über den Fluss und die Berge. Da sind es nur rund 50 Kilometer!“ Ach so, na dann – unglaublich!
Neun Jahre geht sie da neben ihrer Arbeit als Direktorin zu Fuß hin und her. Doch nachdem die Gemeinschaften zahlreicher geworden waren, bittet sie den Orden, für ihre weiteren Friedens­projekte freigestellt zu werden. Sie verlässt also die Schule und widmet sich von da an zielstrebig der Ausbildung von Missionarinnen des Friedens und dem Ausbau weiterer Gemeinschaften. Bald erstrecken sich ihre Aktivitäten fast über das ganze Land. Es entsteht ein Noviziat für die neue Gemeinschaft, in dem Jugendliche, die sich für Friedens- und Versöhnungsmediation in Ruanda interessieren, ausgebildet werden.
Derzeit wirken sie in vielen Diözesen, in denen fünf der 12 Millionen Ruandesen leben. „Viele Menschen kommen mittlerweile in diese Mediationsgruppen, um für den Frieden und die Versöhnung zu beten. Viele bitten um Heilung nach Verletzungen verschiedenster Art. In den Zentren kümmert man sich um die seelischen Verletzungen der Menschen. So gelingt es vielen, zu verzeihen und sich zu versöhnen, viele bitten dann auch Überlebende oder Verwandte von Ermordeten um Vergebung für ihre Taten. Das muss nicht immer Mord, sondern kann auch Verrat, Hass, Neid und Feigheit gewesen sein. Da gibt es soviele Wunden,“ meint sie und ich sehe ihr an, wie ihr das Leid und der Schmerz dieser Menschen zu Herzen gehen.
Unermüdlich und mit festem Vertrauen auf das Gebet und die Führung des Heiligen Geistes vertieft sie sich in den letzten Jahren in die Versöhnungs- und Friedensbemühungen. Die Spiritualität der „Gemeinschaft der Missionarinnen des Friedens“ nimmt sich Christus, den König als Vorbild und stützt sich auf drei Pfeiler: bedingungslose Liebe, die für alle offen ist, Erbarmen, Sensibilität für alle, die leiden.
Erklärend fügt sie hinzu: „Wir haben ja gesehen, dass es an dieser Sensibilität für andere, die nicht zur eigenen Gruppe gehörten, gemangelt hat. Und so haben wir gesucht, wer heute besonders unter dem Mangel an Sensibilität in unserer Gesellschaft leidet und das sind die behinderten Kinder. Sie werden als Schande angesehen. Man versteckt sie hinter dem Haus oder bindet sie an, damit niemand sehen kann, dass da ein behindertes Kind lebt. So haben wir uns vorgenommen, diesen Armen dazu zu verhelfen, dass sie eines Tages wie alle anderen Menschen leben können.“
Dank eines österreichischen Spenders konnte in einem Zentrum ein Heim für diese Allerärmsten geschaffen werden. Die Kinder bekommen nun auch medikamentöse oder physiotherapeutische Behandlung und nicht wenige von ihnen werden geheilt. Glücklich erzählt die Schwester: „Vor allem hilft die Liebe, die sie hier bekommen, die Zuwendung, angenommen zu sein, so wie sie sind. Die Kinder leben auf, werden gemeinsam mit nicht behinderten Kindern unterrichtet und bekommen eine Chance im Leben.“
Den Kindergarten für 3- bis 6-Jährige besuchen derzeit 100 behinderte und nicht behinderte Kinder. „Später können die Kinder bei uns auch Berufe erlernen,“ ergänzt die Sr. Donata. Betreut werden die Kinder von einigen der mittlerweile 56 Mitglieder der Gemeinschaft der Missionarinnen des Friedens. Darüber hinaus sind 15 Lehrer angestellt, denn es muss ja für alle der normale vom Staat vorgeschriebene Lernstoff gesichert sein. „Mit gespendeten Nähmaschinen oder anderen Geräten erzeugen die Schüler dann unterschiedliche Produkte, die wir auch verkaufen, z.B. Trikots. Wenn sie später fortgehen, halten wir Kontakt mit ihnen,“ erfahre ich. Besonders wichtig ist ihr natürlich, das Hinführen der Kinder auf Werte wie Friedfertigkeit, gegenseitige Hilfe, gegenseitiges unbedingtes Annehmen.
Wie dieses Hinführen geschieht? „Durch das Miteinander leben, indem sie sich um einander kümmern, sich gegenseitig helfen, lernen, mit den anderen zu teilen, die Unterschiede, die es zwischen ihnen gibt, zu ertragen und einander zu lieben. Eine große Rolle spielt das Gebet. Daher gibt es einmal in der Woche für alle Schüler und Kindergartenkinder eine Hl. Messe. Sie wissen auch, dass man vor dem Essen beten und Gott danken, dass man Besucher höflich begrüßen soll, usw. Gute Sitten und Werte sollen zu einem Miteinander in Frieden führen.“
Derzeit können sie nur in einem Zentrum diese Art von Betreuung anbieten. Bei den anderen Zentren werden die Kinder nur am späten Nachmittag betreut. „Es kommen eigentlich alle Kinder,“ betont Sr. Donata froh, „egal, welcher ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit, um in den Nachmittagsstunden eine spirituelle Ausbildung zu erhalten, miteinander zu spielen, zu singen und zu tanzen. Wir nennen das ,Kinderabende’. In dieser Gemeinschaft lernen sie, miteinander zu leben. Sie begreifen, dass der andere ein Bruder oder eine Schwester ist.“
Zurück zu den Gebetsgruppen, mit denen alles angefangen hat. „Dort fand schon viel Versöhnung statt, obwohl es auch noch viel Elend gibt. In manchen Gebetsgruppen sitzen ehemalige Feinde beieinander, beten miteinander – auch wenn sie sich außerhalb der Gemeinschaft nicht grüßen können. Gott sei Dank haben wir aber auch Fälle, wo ehemalige Feinde sich gegenseitig entschuldigt und einander verziehen haben und nun durch Gebet freundschaftlich miteinander verbunden sind. Ist das nicht ein unglaubliches Wunder?!“ Ja, es ist kaum zu glauben, was diese geduldige Schwester mit Hilfe des Heiligen Geistes schon in Gang gebracht hat.
„Da gab es ein Mädchen, das aufgehört hatte zu sprechen,“ erzählt sie. „Sie hatte als einzige ihrer Familie das Morden überlebt. Nicht nur, dass ihre Eltern vor ihren Augen ermordet worden waren, man hatte sie danach auch noch gefoltert, aber am Leben gelassen, damit sie leiden sollte. Sie kam in die Gruppe, um zu beten, wollte aber nicht Mitglied der Gemeinschaft werden. Für sie war alles, was sie sah nur schwarz: Blumen, Menschen – einfach alles war böse und todbringend. Sie hatte viel zu verzeihen.“
Durch das gemeinsame Gebet, das Aufarbeiten des Leides in der Gruppe begann sie, langsam wieder etwas zu sprechen. Da in den Gruppen jeder versuchen sollte, laut auszusprechen, wem er verzeihe, konnte endlich auch sie leise die Worte ‚ich verzeihe’ murmeln. So kam sie ins Leben zurück. Heute gibt sie Zeugnis dafür, was das Gebet vermag: die schlimmsten Wunden zu heilen und zum Verzeihen und zur Versöhnung führen.“
Und noch etwas erzählt sie mir: „Jedes Jahr im April, dem Monat, in dem das Massaker begann, kam bei vielen Menschen das Grauen wieder hoch: etwa bei Odette, die, als wir in die Kirche gingen plötzlich zu schreien begann und sich unter den Bänken versteckte: ,Sie sind da, sie kommen!“ schrie sie und sah die schreckliche Szene von damals wieder. Auch sie konnte durch Gebet und Gemeinschaft schließlich von ihren wiederkehrenden Ängsten geheilt werden. Heute hat sie einen kleinen gut gehenden Betrieb mit Angestellten und kommt uns immer wieder besuchen. Jedem, der es hören will, bezeugt sie, dass sie äußerlich und innerlich ganz geheilt sei.“
Gibt es also auch körperliche Heilungen? „Ja, seelische und auch körperliche. Denn seelisch kranke Menschen erkranken oft auch körperlich. Heilen sie aber seelisch, werden sie oft auch körperlich wieder gesund. Bei Cécile war das so: Sie hatte gesehen, wie ihr Bruder ermordet worden war und hatte versucht, sich zu verstecken. Als sie endlich in einem Kloster Schutz gesucht hatte, hat eine Schwester sie hinausgeworfen und sie auch noch – ich sehe, wie schwer es Sr. Donata fällt, das zu erzählen – den Feinden verraten. Von denen wurde Cécile daraufhin schrecklich misshandelt – so schwer, dass sie ab da nicht mehr gehen konnte. Wir kannten sie nur im Rollstuhl. Sie kam immer wieder in unsere Gebetsgruppe, bat um Gebet für sich, verstand aber nicht, dass sie selbst durch Vergebung zu ihrer Heilung beitragen musste. Wir baten sie, eine Namensliste von all den Menschen, denen sie verzeihen wollte, anzufertigen. Es wurde eine sehr lange Liste, denn fast ihre ganze Familie war ermordet worden. Jeden Tag in der Früh sollte sie den Zettel anschauen und sagen: Ich will verzeihen.
Zu verzeihen ist nicht leicht und hat sehr viel mit dem Willen zu tun. Einmal in einer Heilungsmesse – die mittlerweile einen ungeheuren Zustrom haben - betonte P. Ubald, der Priester der nun der geistliche Rektor  der Gemeinschaft ist (Portrait 2/2008), wie er es immer tut: Wer nicht zu verzeihen und nicht selbst um Verzeihung zu bitten vermag, der schleppe selbst eine schwere Last mit sich herum. Bei diesen Worten konnte Cécile plötzlich verzeihen! Sie fuhr noch mit dem Rollstuhl heim, bemerkte dort aber, dass sie wieder aufstehen konnte. Und bald vermochte sie auch, ganz normal zu gehen.“
Doch damit nicht genug: „ Cécile kam zu uns und bat um Hilfe: Sie wollte Gott danken – denn verzeihen zu können, ist eine Gnade! Aus Dankbarkeit wollte sie ins Gefängnis zu den Menschen gehen, die ihr so schweres Leid zugefügt hatten und sie nun ihrerseits um Verzeihung bitten.“ Wie bitte? frage ich entgeistert: „Ja,“ lächelt die Schwester über meinen ungläubigen Gesichtsausdruck, „sie wollte den Mörder ihres Bruders um Vergebung bitten. Ihr war nämlich bewusst geworden, dass dieser Mensch für sie wie tot gewesen war, denn sie hatte ihm jede menschliche Würde abgesprochen. Wir waren dann miteinander im Gefängnis, zuerst beim Mörder des Bruders, der zunächst alles auf andere schieben wollte. Als Cécile ihm aber gesagt hat, sie verzeihe ihm nun und sie möchte ihn selbst um Verzeihung bitten, weil er für sie quasi gestorben war, gab der Mann zur Antwort: ,Dich wiederzusehen, wird für mich ein großes Glück sein.’ Anders der Besuch bei der Ordensschwester im Gefängnis: Sie war sich noch nicht ihrer Schuld bewusst geworden. Cécile hat ihr dennoch verziehen.“
Nun betreibt sie einen kleinen Handel, fühlt sich wohl und erzählt auch gerne, dass mit dem Vergeben seelische und körperliche Heilung möglich wird.
Übrigens hat sie mit keinem Wort all die Schwierigkeiten erwähnt, die sie zu überwinden hatte und wieviel Geduld sie aufbringen musste. Ihr Ziel ist es ja vor allem, ihren Landsleuten  – und eigentlich uns allen – das Vertrauen nahezubringen, dass Verzeihen und Versöhnung mit in Gottes Hilfe möglich sind, somit auch Heilung. Sollte ich das nicht auch in meinem Leben immer wieder umzusetzen versuchen?!

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