VISION 20006/2013
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Der Welt die Freude an Gott verkünden

Artikel drucken Über drei wesentliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Neuevangelisierung (Von Kardinal André Vingt-Trois)

Seit Johannes Paul II. werden die Päpste nicht müde, zur Neuevangelisierung aufzurufen. Frage: Welche Voraussetzungen müssen die Gläubigen für diesen Dienst mitbringen? Im folgenden Beitrag eine treffende Antwort des Pariser Erzbischofs.  

Um eine Kirche zu werden, die neue Wege geht, müssen wir uns zunächst klarmachen, welches Glück wir im Grunde genommen haben: Wir wurden auserwählt, Jünger Christi zu sein. Mag sein, dass Sie dieser Status gar nicht so glücklich macht. Erinnern Sie sich nur an das Volk Israel! Es gab Zeiten, wo es Gott gefragt hat: Hättest Du nicht ein anderes Volk erwählen können?   
(…) Es geht darum, dankbar und froh zu entdecken: Wir besitzen einen außergewöhnlichen Schatz: Christ zu sein, also Christus zu kennen und mit Ihm zu leben, Sein Wort zu hören, es im Herzen aufzunehmen, zu meditieren und im Leben umzusetzen, aus den Sakramenten zu leben – all das stellt einen unfassbar großen Schatz dar. Wir sind von Gott gesegnet, erfahren nicht nur das Glück, ins Leben gerufen worden zu sein, schöne Gefühle zu erleben, sondern Jesus zu kennen! Das zu erkennen, dafür zu danken, sich darüber zu freuen, ist der Kern jeglicher Erneuerung dieser Welt.
Und dann gilt es auch, darüber nachzudenken, was unsere Freude auslöst. Es ist nicht, dass alle Probleme aus unserem Leben verschwunden wären, nicht dass wir ein leichteres Leben als die anderen hätten, nicht dass wir von Problemen verschont würden, die andere auch haben – nein, was unsere Freude auslöst und uns in der Freude hält, ist die Ge­wiss­heit, dass wir in allen Ereignissen unseres Lebens – seien sie nun glücklich oder unglücklich – niemals allein sein werden.
Machen wir uns klar: Für viele unserer Zeitgenossen ist ja das Gefühl, im Existenzkampf allein dazustehen, die größte Last. (…)
Wer Jünger Christi geworden ist, wen Christus berufen hat, sein Freund zu werden, ist mit Ihm in eine unzerstörbare Gemeinschaft eingetreten. Dabei vergesse ich keineswegs, dass wir – sogar Sie, sogar ich – Sünder sind, dass wir uns von Ihm entfernen, ja abwenden können – aber Er wird sich niemals von uns abwenden. Er verlässt uns nicht. Diese Gewiss­heit, dass Gott immer treu, immer anwesend, stets mächtig in Seinem Handeln ist, macht es uns möglich, uns den Herausforderungen des Lebens zu stellen – nicht als hoffnungslose Menschen, sondern als solche, die wissen, dass Gott jene, die Er sich zu Freunden erwählt hat, nie verlässt. Eigentlich müsste diese Freude in unserem Leben zum Ausdruck kommen.
(…) In seinen Briefen zählt Paulus die Früchte auf, die der Heilige Geist im Herzen der Gläubigen reifen lässt: Langmut, Friede, Sanftmut, Freude… Wer in Einheit mit Christus lebt, wird in allen Ereignissen seines Lebens von diesen Haltungen geprägt und damit imstande sein, die Schwierigkeiten des Lebens zu ertragen und durchzustehen, in den Widerwärtigkeiten gelassen zu bleiben, ja in ihnen die Freude zu bewahren. Das ist das erste Zeugnis für die Gegenwart des lebendigen Gottes in uns, das wir der Welt schulden.
Diese Kraft in uns stellt eine Dynamik dar, die uns dazu antreibt, mit anderen zu teilen, was wir empfangen haben.
Man kann Freude und Glück nicht allein für sich genießen. Wer Freude erlebt, will sie mit den Mitmenschen teilen. Dieser Impuls, empfangene Freude, geschenktes Glück mit anderen zu teilen, ist eigentlich der Ursprung der Mission, zu der wir berufen sind. Mission macht dann keinen Sinn, wenn das Bewusstsein fehlt, man verfüge über etwas, was man mit anderen teilen möchte.
Es bringt nichts, Sie zur Mission aufzurufen, wenn Sie nur Ihre Probleme vor sich hertragen. Das interessiert niemanden. Jeder hat ohnedies schon die eigenen Probleme, er braucht Ihre nicht auch noch. Wer missioniert, soll helfen, nicht zusätzlich belasten. Es geht darum, dem anderen etwas zu bringen, was diesem neue Wege im Leben eröffnet. Die Erfahrung, dass Gott machtvoll in den Herzen wirkt, es uns ermöglicht, trotz unserer Schwächen das Leben zu meistern, trotz vieler Probleme voranzuschreiten, das ist der Schatz, den wir mit unseren Brüdern und Schwestern teilen wollen. Dafür wollen wir Zeugnis vor unserer Umwelt ablegen.
Dem Apostel Paulus, der in seinem Leben die umwerfende Erfahrung der Begegnung mit Christus gemacht hatte, der als Pharisäer durch die Erscheinung Christi auf dem Weg nach Damaskus vollständig verwandelt worden ist, war klar: Diese Erfahrung war nicht nur für ihn selbst lebensbestimmend, sie war für alle wichtig. Daher sagt er bei mehreren Gelegenheiten: Wehe, wenn ich das Evangelium nicht verkündige!
Manche haben den Eindruck, beim Christentum gehe es um eine Lehre. Das wahre Zeugnis ist jedoch nicht nur die Verkündigung, sondern das Bezeugen mit dem Leben. Denn die Leute beginnen nicht deswegen zu überlegen, weil wir die besseren Argumente haben und unseren Standpunkt intelligent vertreten. Was sie nachdenklich stimmt, ist die Erfahrung, dass die Kraft Christi in uns am Werke ist und eine Lebensweise bewirkt, durch die unsere Mitmenschen beginnen, sich Fragen zu stellen: Warum lebt er oder sie so?
Solange die Leute keine Fragen haben, nützen auch Antworten nichts. Sie können dann noch und noch Antworten liefern, wenn Sie damit keine Frage beantworten, fallen die Worte ins Leere. Was aber löst Fragen aus? Jemanden zu erleben, der anders lebt.
Bisher haben wir zwei Punkte betrachtet: Sich den Reichtum, den wir besitzen bewusst zu machen und das Zeugnis, das wir durch unser Leben geben. Aber da gibt es noch den dritten Punkt: den Missionsauftrag, den Jesus Christus all seinen Jüngern gibt: die Gute Nachricht allen Nationen zu bringen.
(…) Da wäre zunächst die Frage zu stellen: Glauben Sie, dass den Menschen überhaupt etwas abgeht? Sollte dies nicht der Fall sein, brauchen wir nicht weiter über Mission nachzudenken. Dann ist es besser, sie in Ruhe weiterleben zu lassen wie bisher: mehr oder weniger ehrlich, mehr oder weniger ihrem Gewissen folgend…
Der Apostel Paulus erklärt das ja im Römerbrief: Die Heiden, die das Gesetz Gottes nicht kennen, sind durch ihr Gewissen imstande, zu erkennen, was gut und was böse ist. Sie werden gerichtet werden entsprechend ihrem Lebenswandel und den Erkenntnissen, die ihnen zuteil wurden. Wir müssen uns also klar darüber werden:Warum wollen wir ihnen Jesus Christus nahebringen? Eine Frage, die wir  stellen müssen.
Ist uns überhaupt klar, dass sie – solange sie Christus nicht kennen – zwar ein redliches Leben führen, nützliche, ja sogar bewundernswerte Leistungen vollbringen können, aber nicht die Fülle ihrer Möglichkeiten auszuschöpfen vermögen. Und diese Fülle ist: Gott zu kennen und in Gemeinschaft mit Ihm zu leben.
Daher die Frage: Sind wir überzeugt, dass den Japanern, Chinesen oder Indern, die in ihren östlichen Traditionen leben, etwas abgeht? Sind wir überzeugt, dass den Heiden in unseren Ländern, die keine Ahnung von Christus haben, etwas abgeht? Der Missionsauftrag unterstellt ja, dass wir den anderen etwas Lebensnotwendiges zu überbringen haben.
Wir sind ja kein kommerzielles Unternehmen, das Konsumenten an sich zu binden versucht, kein Konkurrent auf dem Markt der Ideologien, wir versuchen nicht, uns anderer zu bemächtigen, sondern wir werden vom inneren Drang bewegt, den empfangenen Reichtum mit anderen zu teilen.
Das setzt allerdings voraus, dass wir davon überzeugt sind, dass wir ohne diesen Schatz unglücklich wären, dass wir ohne den auferstandenen Herrn die ärmsten Menschen der Welt wären, wie Paulus sagt.
(…) Dazu aber müssen wir unseren Geist von einer falschen Vorstellung befreien, dass es so etwas wie einen neutralen Menschen gibt, frei von jeder Art von Überzeugung und Glauben. Und dass dieser neutrale der Normalbürger sei, dass man so normal leben könne. Und wer nun einen Glauben verkündet, eine Überzeugung kundtut, ja Jesus Christus verkündet, der sei eigentlich ein Unruhestifter, jemand der das Gleichgewicht stört.
Hier gilt es, den Blickwinkel zu ändern. Wenn ich gut verstanden habe, was das Zweite Vaticanum in Gaudium et Spes verkündet hat, so ist es folgendes: Der Glaube an Jesus Christus ist nichts, was man zum Menschsein hinzufügt, ein Gewand, das man überzieht, ohne das darunter befindliche Wesen zu verändern. Nein, das Konzil will uns klarmachen: Von der Erschaffung der Welt bis zum Ende der Zeiten hängt die Wahrheit des Menschseins, sein eigentliches Wesen, seine Fülle und volle Entfaltung von seiner Beziehung zu Gott ab.
Daher dürfen wir uns nicht so verhalten, als wären wir mit einem schwereren Gepäck unterwegs, vor dem die anderen bewahrt worden seien, sondern wir müssen von der Überzeugung getragen sein, dass wir von einem Licht erleuchtet sind, das klar erkennen lässt, worum es im Leben des Menschen geht und das es ihm ermöglicht, das Potenzial seiner Existenz auszuschöpfen.
(…) Gebe der Herr, dass dieses Licht des Evangeliums die Überlegungen der Menschen erreichen und erleuchten möge. Damit sie begreifen, dass wir nicht Vertreter einer Organisation, sondern Träger der Weisheit  sind – einer Weisheit, die wir vom Heiligen Geist empfangen haben und die wir nun mit jenen teilen, die sich Fragen bezüglich des Lebens stellen: dass Gott Mensch geworden ist, damit der Mensch vergöttlicht werde.
Aus dem Vortrag anlässlich der „Journées Essentiel'Mans“ am 18. und 19. Oktober 2013 im Palais des Congrès in Le Mans/Frankreich aufgezeichnet von KTO.

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