VISION 20006/2013
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Die wahre Sehnsucht der Jungen stillen

Artikel drucken Sexualerziehung: Es geht auch anders (Von Helga Sebernik)

Sie ist seit 25 Jahren Lehrerin und in der Sexualerziehung engagiert. Daher weiß sie, was diesbezüglich heute läuft. Mit den einleitend zitierten, von Jugendlichen gestellten Fragen ließ die Referentin ihr Auditorium einen Blick in die heutige Realität werfen, um dann an­gemessene Antworten zu bieten.

Was sollte man nehmen: Pille oder Kondom? (eine 11-Jährige) Was ist, wenn man einen Jungen im Chat kennenlernt, seine Nummer hat und ihn treffen will? Welche Stellung beim Sex ist die beste? Ist eine Internetliebe eine richtige Liebe? Wo findet man Pornos? Das ist die Realität. Die Frage ist: Wie ist ein lebensförderlicher Weg, mit diesem Thema umzugehen?
Als erstes sollten wir fragen: Was sind eigentlich die entwicklungsförderlichen Aufgaben im Jugendalter? Hier sitzen viele Eltern, Großeltern, Tanten, Firmpaten… Ihrer aller Aufgabe ist es, dem Jugendlichen dabei zu helfen, die Frage zu beantworten: Wer bin ich – als Bursch oder Mädchen? Es geht also um Identitätsfindung. Wichtig ist es, dass die Jugendlichen ihr Mädchen-, ihr Bursch-Sein in ihre Gesamtpersönlichkeit integrieren, also als Teil ihres Menschseins annehmen. Sexualität wird also nicht unter den Tisch gekehrt unter dem Motto: „Ich bin ich – und Sex ist etwas anderes“. Es gilt, das eigene Ich und die große neue Kraft der Sexualität in Einklang zu bringen.
Diese Kraft wird biologisch gesehen von den Hormonen gesteuert und muss nun vom Gehirn her in den Griff genommen werden. Und es gilt, diesen Vorgang positiv zu besetzen. Dieses Geschehen spielt sich heute schwerpunktmäßig im Alter zwischen 10 und 19 Jahren ab, setzt sich allerdings auch weiterhin im Leben fort. Was aber in dem entscheidenden Alter nicht an Entwicklung geschieht, kann dann im weiteren Leben Schwierigkeiten bereiten. Daher ist es so wichtig, die Jugendlichen in dieser Phase nicht allein zu lassen.
Sie haben an den Fragen – es sind zweifellos provokante gewesen und es gibt auch andere – gehört, was heute Sache ist. Aber viele Eltern nehmen dies nicht zur Kenntnis. Bei Elternabenden höre ich dann: Also mein Kind hat solche Fragen sicher nicht! Da darf man sich nichts vormachen. Schon in der 2. Klasse Volksschule werden die abenteuerlichsten Dinge über die Handys ausgetauscht. Sie sollten sich da informieren, denn es läuft mehr, als wir denken.
Viele Eltern sagen: Die Schule macht das schon. Die können das besser als ich. In mancher Hinsicht stimmt es auch, dass andere Personen einen leichteren Zugang haben. Denn die Jugendlichen machen einen Ablösungsprozess durch. Dennoch sollte man das Thema nicht der Schule überlassen. Dort wird es womöglich an die unterschiedlichsten Interessensgruppierungen übertragen. Und auch die Lehrer sind vielfach überfordert. In meiner Lehrerausbildung habe ich diesbezüglich keine relevante Information erhalten. Und so schiebt einer dieses Thema auf den anderen ab, weil es so sensibel ist. Und viele Jugendliche bleiben auf der Strecke…
Entscheidend wichtig ist, dieser Sehnsucht der Jungen nachzuspüren: Ich möchte, dass mein Leben gelingt. Was kann man ihnen diesbezüglich anbieten? Die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. ist da ein sehr guter Ansatz. Sie spricht von vier Dimensionen, die die Liebe Gottes zum Ausdruck bringen: die Freiheit, die Bedingungslosigkeit, die Treue und die Fruchtbarkeit, dieses lebensspendende Element.
Was können wir über die Freiheit sagen? Die Freiheit, sich verschenken zu können, ist das Wichtigste in unserem Leben. Weil uns auch Gott zu nichts zwingt, ist alles auf Freiheit aufgebaut. Um mich in Freiheit verschenken zu können, brauche ich allerdings eine gewisse Reife.
Nun haben die Jugendlichen aber den Druck von den Gleichaltrigen. Sie fühlen sich oft nicht frei. Viele gehen sexuelle Beziehungen ein, weil der Gruppendruck da ist – vor allem aber, weil ihr Liebestank leer ist. Viele Jugendliche kommen nun  aus Familien, in denen sie wenig oder keine Liebe gespürt haben. Und sie glauben nun – ich denke da an manche meiner Schülerinnen –, sie könnten in der sexuellen Beziehung diesen Tank auffüllen. Wo bleibt da aber die Freiheit, wenn man tut, was die anderen tun oder wenn man unter dem Zwang steht, sich Zuwendung holen zu müssen?
Was wäre nun aber Freiheit im Jugendalter? Sie besteht darin, lockere Beziehungen, Freundschaften zu haben, um die eigenen Fähigkeiten im Umgang mit anderen zu entfalten und Erfahrungen zu sammeln: Wer passt zu mir? Werden jedoch sexuelle Beziehungen eingegangen, entsteht so etwas wie ein emotionaler Klebstoff, der sogar hormonell – durch Oxytocin – verstärkt wird. Und das macht es einfach schwer, sich wieder zu trennen, wenn man erkennt, dass man doch  lieber mit einem anderen das Leben teilen möchte. Ermutigen wir also junge Menschen, ihre Freiheit gut zu leben.
Nun zur Bedingungslosigkeit, dem zweiten Punkt: Erfüllte Sexualität findet ihren Ausdruck in bedingungsloser Hingabe an den Partner. Es geht um ein Schenken und Annehmen des ganzen Menschen. Auch dazu ist Reife erforderlich. Flüchtige, womöglich einmalige sexuelle Abenteuer haben aber schon gar nichts mit Bedingungslosigkeit zu tun. Viele Mädchen sagen ja im Nachhinein: Warum habe ich mich auf dieses eine Mal eingelassen? Es war alles andere als das, was man mir vorgeschwärmt hatte!
Wie kann man nun aber den Wert dieser Bedingungslosigkeit verständlich machen? Indem wir sie selbst leben. Letztendlich schauen die Jugendlichen auf das, was wir selbst leben. Sie werden diesen Wert schätzen, wenn sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie sich auf ihr Umfeld verlassen konnten. Auch das ist Teil der Sexualerziehung.
Nun zum dritten Punkt, der Treue: Unsere Zeit ist von Lebensabschnittspartnern geprägt – nicht nur, aber auch. Wie macht man nun dem Jugendlichen Mut, selbst in eine treue Beziehung einzutreten? Auch da gilt das schon Gesagte: selbst vorleben. Denn jeder trägt die Sehnsucht nach treuen Beziehungen in sich, weil jeder Mensch als einzigartig, als wertvoll geachtet werden möchte. Jeder erhofft sich eigentlich vom anderen, dass dieser treu sein möge.
Zuletzt die Fruchtbarkeit: Sie ist das Leben spendende Element. Wir müssen uns klarmachen: Der Mensch ist ein durch und durch fruchtbares Wesen. Das einzigartige Geschehen im Jugendalter ist die Vorbereitung des Körpers auf diese Gabe der Fruchtbarkeit, ein Kind zu zeugen und zu empfangen. Die Integration der Fruchtbarkeit in die Persönlichkeit ist ein Aspekt des Menschen, der wiederbelebt werden muss. Die Verhütungsmentalität, in die wir seit Jahrzehnten geraten sind und die heute hingenommen wird, deren bittere Früchte wir aber längst sehen, soll uns nicht entmutigen, die Jugendlichen für die kostbare Gabe der Fruchtbarkeit zu begeistern und zu sagen: Du hast eine wunderbare, große Kraft in dir, eine wunderbare Gabe. Geh sorgsam mit dieser Kostbarkeit um.
Was heißt das nun für die christlichen Gemeinden, die Pfarren? Es reicht nicht zu sagen: Kein Sex vor der Ehe! Natürlich wollen wir dieses Ziel auch weiterhin erreichen, aber es darf keine reine Negativforderung sein. Vielmehr gilt es, Perspektiven zu entwickeln, wie das Leben gelingen kann. Es gilt der Frage nachzugehen: Wie kannst du den richtigen Menschen, mit dem du dein Leben teilen willst, finden? Wem willst du das Geschenk deiner ganzen Hingabe machen? Ihm gibst du dann alles, was du hast. Wie sorgsam gilt es, mit diesem Schatz der ganzen Hingabe umzugehen, wenn du schon deinen normalen Besitz, dein Handy, dein erspartes Geld nicht einfach irgendjemandem, der dir gerade über den Weg läuft und der sympathisch wirkt, hergibst. Kannst du dann mit deinem Leib sorglos umgehen? Der junge Mensch braucht Anleitungen, wie er durch die Pubertät kommt, ohne Schaden zu nehmen, ohne sich und andere zu verletzen. Er braucht Freundschaften, die zwar den Liebestank auffüllen, ohne aber die Freiheit zu beeinträchtigen.
Das TeenStar Programm vermittelt die Botschaft: Du bist ein Star, wenn du dich mit all diesen Dimensionen des Menschseins auseinandersetzt. Wir gehen vom Körper aus, sprechen dann über Gefühle, Beziehungen, den Verstand, die Freundschaften, das Umfeld, um schließlich auf Fragen der Seele und des Geistes zu sprechen zu kommen.
Diese Dimensionen sprechen wir im TeenStar-Programm an. Zwar gehen wir vom Körper und Gefühlen aus, aber wir bleiben nicht dort stehen. Warum wir vom Leib ausgehen? Weil das alle Jugendliche beschäftigt. Mit den körperlichen Veränderungen sind sie konfrontiert. Über die Sprache des Körpers gelangen wir dann zu den Werten. Was bringt TeenStar dem Jugendlichen? Die Einsicht, „dass Sex nicht – wie viele denken – einfach ein Spiel ist“, gab ein 13-Jähriger nach dem Kurs zur Antwort. „Ich fühle mich jetzt sicherer und weiß besser, was ich will,“ stellte eine 17-Jährige fest. Wenn es gelingt, einzelne Jugendliche für den guten Weg zu gewinnen, wird das Kreise ziehen. Sie werden andere anstecken.


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