VISION 20006/2013
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Papst Franziskus

Artikel drucken Kontinuität und Zukunft der Kirche (Christian Dick)

Auf den ersten Blick haben Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus nicht viel gemein, ihre Mentalitäten scheinen grundverschieden, die Wahl von Papst Franziskus kommt einem großen Umbruch in der katholischen Kirche gleich, so wollten es viele Medien nach der Wahl des neuen Pontifex weismachen. Nachzuweisen, dass  dem ganz und gar nicht so ist, dass man ein viel treffenderes, ja sogar diametral entgegengesetztes Bild erhält, wenn man sich nicht nur mit Oberflächlichkeiten und Äußerlichkeiten beschäftigt, sondern sich tiefgehend mit den Biographien und dem theologischen Verständnis der beiden Päpste auseinandersetzt, das ist dem Düsseldorfer Historiker Michael Hesemann in seinem neuen Buch in exzellenter Weise gelungen.
Er macht weiterhin deutlich, dass Papst Benedikt XVI. mit seiner Forderung nach einer „Entweltlichung der Kirche“ nicht einen Rückzug der Kirche aus der Öffentlichkeit im Sinn hatte, was ein weit verbreitetes Missverständnis ist. „Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein,“ erklärte Benedikt XVI. 2011 in Freiburg. Sein Leitgedanke bestand laut Hesemann darin, dass das missionarische Zeugnis in einer entweltlichten Kirche klarer zutage trete. Ebenso fordert Papst Franziskus eine Kirche, die zu den Menschen geht. Hieran sieht man, dass die beiden in Sachen „Entweltlichung“ auf einer Linie sind.
Michael Hesemann nennt in seinem Buch zahlreiche Belege für die Kontinuität des Pontifikats von Papst Franziskus in Bezug auf die theologischen Wertvorstellungen seines Amtsvorgängers. In einer Presserklärung der Deutschen Bischofskonferenz heißt es außerdem „Es ist ein bemerkenswertes Zeichen, dass Papst Franziskus bei aller Verschiedenheit der beteiligten Personen und Charismen großzügig von seinem Vorgänger die Ausarbeitung in der Substanz übernommen hat
Besonders bemerkenswert an dem vorliegenden Buch ist die Tatsache, dass die Darstellung sehr differenziert ist und die wichtigen Themen des Pontifikats Benedikts XVI. und die Motive von Papst Franziskus unter den verschiedensten Blickwinkeln zum Ausdruck kommen. Dies wird dadurch untermauert, dass unter anderem Menschen zu Wort kommen, die die beiden Päpste besser kennen dürften als irgendjemand sonst.
So führte Hesemann im Mai ein Interview mit Maria Elena Bergoglio, der Schwester von Papst Franziskus. Sie berichtet von der Kindheit und Jugend ihres Bruders, dessen Herz am Fußballspielen und an seinem Verein San Lorenzo hing. Sein Glaube sei entscheidend von der Mutter, dem Vater, der jeden Tag mit seinen Kindern den Rosenkranz betete und der über alles geliebten Großmutter geprägt worden. Diese habe den Kindern den Katechismus beigebracht. Die Berufung des Bruders sei bei einer Beichte ausgelöst worden und er entstamme nicht, wie oft kolportiert, einer Arbeiter- sondern vielmehr einer bürgerlichen Familie .  
Prälat Georg Ratzinger, der Bruder von Papst em. Benedikts XVI,. sieht den einzigen Unterschied in der Liturgie und äußeren Ritualen, wie den Gewändern, die der Papst trägt und hebt hervor, dass sein Bruder seinem Nachfolger nicht im Wege stehen wolle und daher nie darüber spricht, wie er den neuen Stil von Papst Franziskus sehe.
Aufschlussreich sind weiterhin die Ausführungen von Rabbi Abraham Skorka, dem besten Freund von Papst Franziskus, Pater Guillermo Marcó, dem engsten Vertrauten Kardinal Bergoglios, Pater Prof. Peter Gumpel S.J., Freund Bergoglios und Jesuiten-Insider sowie von René Brülhart, Direktor der Finanzaufsicht AIF des Vatikans.
Grundsätzlich zu bemerken ist, dass jeder Papst in seinem Pontifikat eigene, individuelle Akzente gesetzt hat, die dazu beigetragen haben, dass sich die Kirche immer dynamisch entwickelt hat. Und so merkt Hesemann schließlich als eine Art Fazit zu den unterschiedlichen Charismen von Papst Franziskus und seinen beiden Vorgängern ganz treffend an „Auf den Papst der Bilder, Johannes Paul II., folgte der Papst der Worte, Benedikt XVI. Papst Franziskus aber ist der Papst der Gesten. Zu dem einen strömten die Menschen, um ihn zu sehen, zu dem anderen, um ihn zu hören. Zu Franziskus werden sie kommen, um sich berühren zu lassen. Und das ist gut so.“ (S. 282)  

Papst Franziskus – Das Vermächtnis Benedikts XVI. und die Zukunft der Kirche. Von Michael Hesemann, Herbig-Verlag, 288 Seiten, 20,60 Euro

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