VISION 20006/2013
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Ja zum Glauben, Ja zum Leben

Artikel drucken Portrait einer besonderen Frau (Ignaz Steinwender)

Manchmal denke ich mir: Als Pfarrer wird man in vielerlei Hinsicht reich beschenkt. Besonders oft kommt mir dieser Gedanke, wenn mir ältere Menschen ihre Lebensgeschichte erzählen: Das sind für mich reiche Schätze an Erfahrung, die ich gratis mitnehmen darf. Bei solchen Erzählungen komme ich oft ins Staunen darüber, was Menschen im Leben alles durchzutragen imstande sind, was sie bewältigen können. Da wird einem dann noch mehr bewusst, dass das Leben ein Geheimnis ist, dass der Mensch aus einer anderen Quelle schöpft, dass es eine Gnade ist, wenn ein Mensch ja sagen kann, zu sich, zum Leben, zu den Umständen, in die er hineingeboren ist und zum Glauben.
Jüngst bin ich beim Sortieren von Schriftenmaterial auf eine Broschüre vom Österreichbesuch Johannes Paul II. im Jahre 1988 gestoßen. Das Motto lautete: Ja zum Leben, Ja zum Glauben. Dabei dachte ich gleich an eine Frau, die wir am 12. Oktober dieses Jahres beerdigt haben, eine Frau, die 140 Nachkommen hat. Ihr Leben ist auch eine Botschaft, eine lebendige Katechese, die genau dieses Motto ausdrückt. So möchte ich kurz das Leben von Maria Fankhauser beschreiben und von einer Begegnung mit ihr erzählen.
Maria Fankhauser wurde am 19. Jänner 1917 auf dem Zellberg im Zillertal am elterlichen Hof geboren. Dort ist sie einfach, bescheiden, mit allen Härten und auch Schönheiten der damaligen Zeit mit ihren sechs Geschwistern auf dem Bauernhof aufgewachsen. Mit 20 Jahren hat sie ihren Gatten Anderl vom benachbarten Breierhof geheiratet.
Maria Fankhauser schenkte neun Kindern das Leben, sechs davon wurden während es Zweiten Weltkrieges geboren, fünf zu Hause, vier bereits im Altenheim in Zell, wo eine Entbindungsstation geschaffen worden war. Neben ihrer Berufstätigkeit als Bäuerin mit der Arbeit am Feld, am Hof und im Haushalt und der Erziehung ihrer neun Kinder pflegte sie etwa 10 Jahre lang die schwer kranke Schwiegermutter mit ganzer Hingabe. Ihre große Freude und ihr Stolz waren die Familie, die Kinder, die eine glückliche unbeschwerte Kindheit erlebten und später die Enkel, Urenkel und Ururenkel.
Nach 45 Ehejahren verstarb ihr Mann. Diesen Verlust nahm sie, wie viele andere Leiden und Freu­den im Leben, demütig und mit innerer Glaubensstärke an. Älter geworden, blieb sie im Herzen jung, hatte Verständnis und Interesse für die Jugend und nahm Teil an manchen Veränderungen, eine einfache und zugleich außergewöhnliche Frau.
Bei drei Söhnen feierte sie als Mutter die goldene Hochzeit mit, bis zum 90. Lebensjahr arbeitete sie noch täglich im Stall mit. Oft sagte sie, dass sie nun, nach ihrem Schwiegervater, ihrem Mann und ihrem Sohn, im Enkel Andreas schon den vierten Chef am Bauernhof habe, dem sie diene. Als einfache und bescheidene Frau wurde sie in der Großfamilie von allen geachtet, alle vier Generationen nannten sie ganz einfach Mutter (Mamme).
Den Glauben, der in ihrem arbeitsreichen Leben immer einen großen Stellenwert hatte, hat sie im Alter bewahrt. Oft sah man sie mit dem Rosenkranz in der Hand auf der Hausbank sitzen. Nach ihrem Heimgang im 31. Witwen- und im 97. Lebensjahr stand auf der Parte: In Liebe und Dankbarkeit, Deine Kinder (…) , Deine 43 Enkelkinder, 75 Urenkel und 13 Ururenkelkinder.
Eine Begegnung mit Frau Fankhauser möchte ich kurz schildern, weil ich dadurch  ahnen lernte, was die tiefere Quelle ihrer Dankbarkeit und ihrer Freude gewesen sein wird und, wie das Ja zum Leben und das Ja zum Glauben ein Ineinander bilden.
Am 17. Dezember 2012 fuhr ich auf den Zellberg, um zwei Frauen die Heilige Kommunion zu bringen. Dabei dachte ich mir, jetzt fahre ich auch noch zur Breiermutter mit der Kommunion hin. Als ich unangemeldet ankam, begrüßte sie mich mit einer geradezu überschwänglichen Freude. Auf ihre Frage, wer mich geschickt habe, sagte ich, es sei mir so in den Sinn gekommen, da sagte sie dreimal: Nein, ein Engel hat dich geschickt.
Wir haben dann gemeinsam gebetet und sie hat dankbar, die kindliche Freude einer Erstkommunikantin ausstrahlend, die Heilige Kommunion empfangen. Dann erzählte sie mir von ihren Kindern, von der Schwiegermutter, die sie gepflegt hatte und die zu ihren Kindern sagte, dass es ihr gut gehe, solange sie die „Mamme“ habe, und wie damals immer der Pfarrer oder Kooperator am Herz-Jesu-Freitag mit der Heiligen Kommunion zur Schwiegermutter gekommen sei. Als ich mich verabschiedete, sagte sie freundestrahlend: „Das (die Heilige Kommunion) war mein größtes Weihnachtsgeschenk.“ Beschenkt und im Priestertum bestärkt kehrte ich von dieser Begegnung zurück.
Beim Begräbnis von Frau Fankhauser las eine Enkelin – sie erwartete ein Kind –  die Lesung. Als Evangelium wurde die Stelle von Maria Verkündigung, der Begegnung von Maria und Elisabeth als Ausdruck der Freude über das Leben, die Mutterschaft und über den Herrn, verlesen.  Diese Botschaft hat die begnadete Frau verkörpert, ein Lebens- und Glaubenszeugnis, das vielen heute Mut geben möge.

Der Autor ist Pfarrer von Zell am Ziller/Tirol.

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