VISION 20001/2003
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Laß los, hab Vertrauen!

Artikel drucken Erfahrung während 13 Jahren in vietnamesischen Gefängnissen (Kardinal Nguyen Van Thuan)

Der im Vorjahr verstorbene Kardinal hat im Jahr 2000 für die Kurie Fasten-Exerzitien gehalten. Unter anderem erzählte er, welche Erfahrung ihm geholfen hat, die Jahre in kommunistischer Gefangenschaft zu überstehen.

Während meiner langen Qual von neun Jahren Isolationshaft, in einer Zelle ohne Fenster, manchmal tagelang elektrischem Licht ausgesetzt, manchmal in der Finsternis, hatte ich das Gefühl, in der Hitze und Feuchtigkeit zu ersticken, und ich war nahe daran, den Verstand zu verlieren. Ich war ein noch junger Bischof, mit acht Jahren pastoraler Erfahrung. Ich konnte nicht schlafen. Der Gedanke, die Diözese verlassen zu müssen, so viele Werke, die ich für Gott begonnen hatte, zugrunde gehen zu lassen, folterte mich. Mein ganzes Sein war von Auflehnung geschüttelt.

Eines Nachts hörte ich aus der Tiefe meines Herzens eine Stimme, die zu mir sagte: “Warum quälst du dich so? Du mußt unterscheiden zwischen Gott und den Werken Gottes. Alles, was du begonnen hast und fortsetzen möchtest - Pastoralbesuche, Ausbildung von Seminaristen, Ordensleuten, Laien, Jugendlichen, der Bau von Schulen, von Foyers für Studenten, Missionen für die Evangelisierung der Nichtchristen..., all das ist ein ausgezeichnetes Werk, es sind Werke Gottes, aber sie sind nicht Gott!

Wenn Gott will, daß du das alles losläßt, dann tu es sofort, und hab Vertrauen auf Ihn! Gott wird die Dinge unendlich viel besser tun als du. Er wird Seine Werke anderen anvertrauen, die wesentlich fähiger sind als du. Du hast allein Gott gewählt, nicht seine Werke!"

Dieses Licht hat mir einen neuen Frieden gebracht, der meine Denkweise völlig veränderte und mir half, psychisch eigentlich unerträgliche Momente zu überstehen. Von jenem Augenblick an erfüllte eine neue Kraft mein Herz, und sie hat mich all die 13 Jahre hindurch begleitet.

Ich spürte meine menschliche Schwäche, erneuerte diese Wahl angesichts schwerer Situationen, und der Friede hat mich nie verlassen.

Gott wählen, und nicht die Werke Gottes. Das ist das Fundament des christlichen Lebens, zu allen Zeiten. Und es ist gleichzeitig die gültigste Antwort auf die Welt von heute. Es ist der Weg, auf dem sich die Pläne des Vaters für uns, für die Kirche und für die Menschheit unserer Zeit verwirklichen können.

“So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind ... meine Gedanken über eure Gedanken." (Jes 55,9) Von Tag zu Tag verstehe ich dieses Schriftwort besser. Ich begreife, daß mein Leben eine Folge von Entscheidungen zwischen Gott und den Werken Gottes ist. In jedem Moment. Eine immer neue Wahl, die zur Umkehr wird.

Maria hat Gott gewählt, hat ihre eigenen Pläne aufgegeben, ohne das Mysterium ganz zu begreifen, das sich in ihrem Leib und ihrem Schicksal vollzog. Von jenem Augenblick an ist ihr Leben ein ständig erneuertes “fiat", bis zur Krippe von Betlehem, bis zum Exil in Ägypten, bis zur Schreinerwerkstatt in Nazaret, bis zum Kalvarienberg.

Immer wieder wird die gleich Wahl aktuell: Gott, und nicht die Werke Gottes.

Und gerade auf diese Weise kommt es dazu, daß Maria sieht, wie alle Verheißungen sich erfüllen: Sie sieht, daß der Sohn, den sie ausgeblutet in den Armen hielt, auferstanden ist; sie sieht, wie die Gruppe der Jünger sich wieder festigt und die Verkündigung des Evangeliums zu allen Völkern trägt; sie sieht, daß sie in allen Generationen selig gepriesen und “Mutter Gottes" genannt wird, sie, die unter dem Kreuz als Ersatz für ihren göttlichen Sohn einen von uns bekam, einen einfachen Menschen.

Auszug aus dem empfehlenswerten Buch: Hoffnung, die uns trägt - die Exerzitien des Papstes. Herder Verlag

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