VISION 20001/2003
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Eine Gesellschaft ohne Väter

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Eine der Erklärungen, warum der Papst immer wieder zum Gegenstand unqualifizierter Kritik wird, mag darin liegen, daß er in einer Welt, die die Gestalt des Vaters weitgehend aus der Öffentlichkeit verbannt hat, als Vater, sogar als “Heiliger Vater", den Protest der vaterlosen Gesellschaft geradezu herbeizwingt.

Der Autor, Erzbischof und Präsident des päpstlichen Rates “Cor Unum", bietet zu dieser Problematik einige Beobachtungen und Deutungen. Zunächst - so seine Ausführungen - sieht es, grob gesagt, so aus, als sei die väterliche und überhaupt die männliche Identität von der einflußreichen Publizistik im westlichen Kulturraum schrittweise heruntergemacht, verdrängt oder direkt angegriffen worden. Letzteres wurde durch die ehe- und familienfeindliche Ehegesetzgebung im Europa der Siebziger Jahre noch verstärkt.

In einem zweiten Abschnitt werden Antwortversuche auf diese Probleme gegeben. Es sind Autoren, die sich seitens der Psychologie, Soziologie und Philosophie diesen Fragen annähern. Eine zentrale Frage ist natürlich die der Autorität. (“Autorität meint nicht Willkür und Unfreiheit. Die Berufung auf die Wahrheit bindet ja die Autorität und verhindert Beliebigkeit.")

Der Hauptgedanke des dritten, vom christlichen Glauben her entwickelten Teiles ist, daß menschliche Vaterschaft allein zuwenig ist. Sie muß sich von Gott her verstehen und auf Gott hinweisen. Tiefe Gedanken aus dem Werk Kierkegaards werden in verständlicher Form zur Interpretation dieser Einsicht gebracht.

Als gut nachvollziehbares Beispiel wird die Geschichte von Franz von Assisi, der sich öffentlich von seinem Vater lossagt und sich zum Vater im Himmel bekennt, geboten. Der menschlichen Leere steht hier das göttliche Du gegenüber.

Und schließlich, im vierten Teil, wird das Verhältnis Gottes, des Vaters, zu Gott, dem Sohn, der der Sohn schlechthin ist, thematisiert: Der Gottoffenheit entspricht einerseits die Gottverlassenheit des Karfreitages.

Andererseits lebt diese Beziehung im Hl. Geist, der “sich in der Begegnung mit dem Du ganz (zurücknimmt und) ihm innerlicher (wird) als alle anderen Geisteskräfte. Dennoch ist er selbst Person, die das Ich von aller Einsamkeit heilt und in Gott birgt."

Ein Resümee des Buches ist, daß jede irdische Vaterschaft ausdrücklich in Gott verankert sein muß, wenn sie wirklich Vaterschaft sein soll. Ein zweites, daß keine Gesellschaft und kein Staat existieren kann ohne väterlich verantwortete familiäre Strukturen.

Abgerundet wird das Buch durch einen Anhang über geistliche Vaterschaft und eine umfangreiche Literaturliste.

Die unbestreitbaren Pluspunkte dieses Buches sind die Einbeziehung der Matussek-Studien und anderer Gegenwartsliteratur, die einfühlsame Interpretation der Isaak-Geschichte, Verweise auf große Denker und die klare Zurückweisung der These, daß der Islam denselben Gott-Vater meine wie die Kirche.

Wolfram Schrems

Die verlorenen Väter, Ein Notruf, Von Paul Josef Cordes, Herder, 175 Seiten

 

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