VISION 20001/2003
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Die Bevölkerungsexplosion ist abgesagt

Artikel drucken Europa und Nordamerika im Zeichen dramatisch niedriger Geburtenraten (Von Christof Gaspari)

Kommt das Thema Weltbevölkerung zur Sprache, ist man sich meist einig: Die Welt platzt aus allen Nähten, vor uns die Bevölkerungsexplosion. Dabei sprechen die Daten eine andere Sprache: In wenigen Jahrzehnten ist der Höchststand überschritten...

Was immer Dein Anliegen sein mag - vergiß es, wenn Du nicht das Nullwachstum der Bevölkerung förderst," war in den siebziger Jahren auf Plakatwänden in den USA zu lesen. Diese Botschaft hat sich für Jahrzehnte in den Gehirnen der Menschen festgesetzt: Koste es, was es wolle, man muß die Geburten eindämmen - und zwar rasch und massiv.

Tatsächlich sind die Zahlen, an denen man die Entwicklung der Weltbevölkerung ablesen kann, eindrucksvoll: Um 1800: eine Milliarde Menschen, um 1930: zwei, 1960: drei, 1974: vier, 1987: fünf, 1999: sechs Milliarden... Zahllose UN-Publikationen und die Prognosen des “Club of Rome" haben Horrorvisionen von einer Welt, die nur so von Menschen wimmelt, an die Wand gemalt. Im 21. Jahrhundert könnten es bis zu 16 Milliarden sein, klang der Alarmruf - eine Menge, die nicht zu ernähren sei, die das Ökosystem ruiniere, sich in Kriegen um Nahrung und Wasser aufreiben würde.

Schon vor 30 Jahren, als die massiven Kampagnen zur Geburtenbeschränkung anliefen, wäre größere Gelassenheit angebracht gewesen. Man hätte erkennen müssen, daß Übervölkerung ein sehr vager Begriff ist. Meint man etwa, ab einer bestimmten Zahl von Menschen pro Quadratkilometer müsse man auf die Bremse steigen? Dazu ist festzustellen: Mit Ausnahme von einigen kleineren Ländern (wie Mauritius, Bahrain, Barbados, einigen Stadtstaaten) haben nur Südkorea und Bangladesch eine höhere Bevölkerungsdichte als Belgien und die Niederlande. Aber käme jemand auf die Idee, diesen beiden Ländern eine massive Geburtenbeschränkung wegen zu hoher Bevölkerungsdichte zu verordnen?

Und ähnliches gilt, wenn man die Bevölkerung auf das fruchtbare Land bezieht: Niemand denkt daran, in England brutal die Ein-Kind-Politik durchzuziehen, wie dies in China geschah. Dabei muß England pro Quadratkilometer Agrarland deutlich mehr Menschen ernähren als China. Wer genau hinsieht, erkennt: Das Schlagwort von der Übervölkerung stand von Anfang an im Dienst der Emotionalisierung, um den Gedanken der gezielten Geburtenbeschränkung salonfähig zu machen.

In einer Epoche bisher nicht dagewesenen Wirtschaftswachstums waren es nicht überhandnehmende Versorgungsprobleme, die eine solche Haltung nahelegten. Für mehr Gelassenheit in der Bevölkerungsfrage hätte auch die Erfahrung der Industrieländer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beitragen können: Nach Jahrzehnten - durch den medizinischen Fortschritt ausgelösten - starken Bevölkerungswachstums stellt sich wieder ein Gleichgewichtszustand zwischen Geburten und Todesfällen ein, ohne daß gezielt eingegriffen werden muß.

Und genau diese Entwicklung des Bevölkerungsübergangs findet derzeit in den Ländern der Dritten Welt statt. Diese Stabilisierung hat die UNO in den letzten Jahren dazu veranlaßt, ihre Bevölkerungsprognosen laufend nach unten zu revidieren. Derzeit rechnet sie bis 2050 mit 8,9 Milliarden Menschen. Und die IIASA (Internationales Institut für Angewandte Systemanalyse) sagte zuletzt voraus, daß die Weltbevölkerung etwa um 2070 mit rund neun Milliarden einen Höchststand erreicht haben wird. Bis zum Ende des Jahrhunderts sollte sich ein Rückgang auf 8,4 Milliarden einstellen.

Die Bevölkerungsexplosion ist also abgesagt. Nur ist das bisher zu wenig ins Bewußtsein gedrungen. Und das ist schlimm. Denn mehr oder weniger bewußt prägt diese Vorstellung vom übervollen Boot nach wie vor das Denken und das Verhalten der Menschen insbesondere in Europa. Sie nehmen dadurch nicht wahr, daß sich in den Industrieländern schon lange ein Bevölkerungseinbruch abzeichnet. Eine im Vorjahr in Wien veröffentlichte Studie “Vom Babyboom zum Babycrash" ruft diese Tatsache in Erinnerung.

Sicher, die meisten haben mitbekommen, daß in Europa eine Überalterung stattfindet. Aber irgendwie bringt man das Thema vor allem mit der gestiegenen Lebenserwartung in Beziehung und beschönigt eher das Ausmaß des Einbruchs bei den Geburten. Die Überlegungen kreisen um die Frage: Wie wird man in Zukunft die vielen Pensionisten erhalten und die Kosten für deren gesundheitliche Betreuung aufbringen?

Wie angespannt da die Situation ist, zeigen Berechnungen im Auftrag der UNO, die in der Studie zitiert werden: 1,4 Milliarden (!) Zuwanderer müßte Europa bis zum Jahr 2050 aufnehmen, wollte man die Relation von Pensionisten und werktätiger Bevölkerung auf dem Stand von 1995 konstant halten. Eine unvorstellbare Zahl! Man bedenke: Europa beherbergt derzeit nur rund 730 Millionen.

Daß sich die Situation so zuspitzt, ist aber nicht primär auf die höhere Lebenserwartung (in Österreich z.B. plus 15 Jahre seit 1950) zurückzuführen, sondern vor allem auf den Geburtencrash - ein in der Geschichte einmaliges Phänomen, das Albert Hofmayer in “Ein halbes Jahrhundert Weltbevölkerungsentwicklung" ausführlich beschreibt.

Als wichtige Maßzahl verwendet er Nettoreproduktionsraten. Sie geben Auskunft darüber, wie vielen Mädchen im Durchschnitt eine Frau in der Zeit ihrer Gebärfähigkeit das Leben schenkt. Werte über eins weisen auf Bevölkerungswachstum hin. Liegen die Werte längere Zeit unter eins, so zeichnet sich ein Schrumpfen der Bevölkerung ab.

In den Fünfziger Jahren lagen diese Nettoreproduktionsraten weltweit über eins. Bis in die Mitte der Sechziger Jahre war sogar in fast allen europäischen Ländern eine steigende Geburtenfreudigkeit festzustellen: die Baby-Boom-Jahre füllten die vom Krieg gerissenen Löcher auf. 1964 stellt eine Wende dar: Fast in ganz Europa sinken die Geburtenraten. Und in der ersten Hälfte der Achtziger Jahre stellen sich in fast ganz Europa, Nordamerika und Australien Reproduktionsraten unter eins ein. Die Weichen sind von da an in den Industrieländern auf Schrumpfen der Bevölkerung gestellt.

Zunächst meinten die Experten, man habe es mit einem vorübergehenden Geschehen zu tun. Aber nein: Mittlerweile ist die Fruchtbarkeit dauerhaft, und zwar auf ein vorher undenkbar niedriges Niveau abgesunken. Spanien, Rumänien, Italien und Tschechien verzeichnen unvorstellbar niedrige Werte: zwischen 0,55 und 0,57.

Was das konkret bedeutet, erläuterte der IIASA-Forscher Wolfgang Lutz in einem Interview: “In einigen Ländern wie Rußland und Italien ist die Fruchtbarkeit so niedrig, daß die nächste Generation nur etwas mehr als halb so groß sein wird wie die jetzige. Auf mittlere bis längere Sicht bedeutet das extremes Altern der Bevölkerung und in einigen Ländern sogar starke Bevölkerungsrückgänge."

Wie dramatisch die Situation ist, zeigt die Fortschreibung der heutigen Konstellation in die Zukunft: Von derzeit 375 Millionen würde die EU-Bevölkerung bis 2050 auf unter 300 Millionen sinken, so die Rechnung von Lutz. Und läßt man den Computer weiterlaufen, so ergibt das für das Jahr 2200 magere 75 Millionen EU-Bürger, für 2300 gar nur 30 Millionen.

Keine Frage: Die Dinge werden sich nicht so entwickeln. Früher oder später wird sich das Verhalten ändern und größere Zuwanderungen werden nicht ausbleiben. Diese Zahlen aber machen deutlich, welch bedrohliches Ausmaß der Geburtenrückgang angenommen hat. Keine Spur von Bevölkerungsexplosion. Die heute fehlende Bereitschaft, Kinder in die Welt zu setzen, führt in Europa zu einer rapiden “Bevölkerungsimplosion".

Daß so viele dies noch nicht wahrgenommen haben, liegt eben daran, daß die steigende Lebenserwartung die Bedrohlichkeit der Lage überdeckt. Aber schon in den nächsten Jahren ist mit rückläufigen Bevölkerungszahlen zu rechnen, vor allem in den Ländern, die wie Japan, Ungarn und Lettland seit gut 50 Jahren eine “Unterfruchtbarkeit" zu verzeichnen haben. Österreich und Deutschland leiden seit etwa 30 Jahren an diesem Phänomen.

Die französische Soziologin Evelyne Sullerot hat die veränderte Geburtenfreudigkeit in Europa auf dem Hintergrund der Entwicklung der Familie nachzuzeichnen versucht: Die Kriegszeit brachte eine Stärkung der Familie als Ort des Rückhalts in einer grausamen, lebensbedrohenden Umwelt. Daher hätten auch alle Verfassungen nach Jalta Ehe und Familie als Zelle der Gesellschaft anerkannt. Nach dem Krieg hat die Ehe Hochkonjunktur. In der Wiederaufbauphase spielt sich das Leben überwiegend im Raum der Familie ab - wobei sich die jungen Paare mehr und mehr von der Großfamilie emanzipieren. Hohe Geburtenzahlen füllen die vom Krieg gerissenen Lücken.

Mit der Normalisierung der Situation verliert der Glaube an Bedeutung, das Zusammenleben wird mehr und mehr von psychologischen und psychoanalytischen Denkmodellen gesteuert. Erste Diskussionen setzen ein: Geburtenkontrolle, die Arbeit von Familienmüttern, die außerhäusliche Betreuung der Kinder werden Themen der Debatten. Das bisherige Rollenverständnis der Geschlechter gerät ins Kreuzfeuer der Kritik.

In den Siebziger Jahren greift in Europa eine pessimistische Stimmung um sich (Atomkrieg, ökologische Probleme, Bevölkerungsexplosion...). Die Verhütung hält Einzug, die Abtreibung wird legalisiert, die Fruchtbarkeit sinkt. Frauen sind frei, den Augenblick ihrer Ehe und Mutterschaft zu bestimmen. Die Grenzen der Aufgabenzuteilung an Mann und Frau fallen. Die Erfüllung der Lebensaufgabe wird mehr und mehr im Berufsleben gesucht. Familie erscheint nun einengend. Sie bremst die Flexibilität und macht zunehmend dem Konzept der Partnerschaft Platz. Der Individualismus ist im Vormarsch. Autonomie ist angesagt. Soweit Sullerots Analyse kurzgefaßt - und sie erscheint sehr plausibel.

Die geringe Geburtenfreudigkeit erscheint tatsächlich das Ergebnis eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels zu sein. Geburtenzahlen, die nicht ausreichen, um das bestehende Bevölkerungsniveau zu halten, sind somit eine der Facetten des stark ichbezogenen, materialistisch geprägten Lebensentwurfs, der die Menschen in den wirtschaftlich entwickelten Regionen derzeit prägt. Und sie sind wohl auch Ausdruck einer um sich greifenden Zukunftsangst.

Alles deutet darauf hin, daß sich diese Einstellung weltweit ausbreitet: Überall sind mittlerweile die Reproduktionsraten gesunken, auch wenn sie in Vorderasien und Schwarzafrika immer noch hoch sind. Werte unter eins sind keine Spezialität der Industrieländer mehr: China (nach der rigorosen Ein-Kind-Politik), Thailand oder Singapur verzeichnen heute Werte um 0,8. Brasilien überschritt im Jahr 2000 die Grenze zur Unterfruchtbarkeit.

Zusammenfassend hält Hofmayer fest, daß “etwa um das Jahr 2005 bereits mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Ländern leben (wird), deren Geburtenzahlen zum Generationenersatz nicht ausreicht." Denn die “Unterfruchtbarkeit" habe sich “seit etwa 1960 in Form einer Innovations-Diffusion über die Erde ausgebreitet, ohne daß es in irgend einem Land der Erde bisher zu einer wirklichen Trendumkehr" gekommen sei.

Es ist offenkundig, daß der französische Demograph Gérard Dumont recht hat, wenn er feststellt, daß die eigentliche Herausforderung des 21. Jahrhunderts nicht das furchterregende Wachstum der Bevölkerung sein wird, sondern deren Überalterung aufgrund mangelnden Nachwuchses.

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