VISION 20001/2003
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Kinder: Lehrmeister der Liebe

Artikel drucken Ein Philosoph über den so entscheidenden Lebensraum Familie (Von Jean-Marie Meyer)

Das JA bricht die Einsamkeit

“Im Anfang war das Wort." Auch für uns Liebende steht am Anfang das Wort, und dieses Wort heißt “Ja". Alles beginnt mit diesem Wort, das zugleich jeden der beiden, die eine Ehe schließen, offenbart und mit dem einer den andern annimmt: Ja zu dir, ja zu deinem Leib und zu deiner Seele, zu deiner Geschichte, die nun unsere gemeinsame Geschichte wird.

Das Ja der Hochzeit bricht die Einsamkeit der beiden auf und öffnet sie für einander in der Wahrheit und in der Tiefe. Das Ja ist mithin unser erstes Band. Es ist ein Licht und ein Anruf - und es wird selbst zur Quelle.

Es ist ein Licht, denn wenn das Leben ein Weg ist, dann wird er erleuchtet von diesem Ja. Es ist ein Anruf, denn an jedem neuen Tag hallt es in meinem Gewissen wider und stellt mir die Frage: Wie kann ich heute mit dir eins bleiben?

Und schließlich ist es auch eine Quelle: Eine Quelle entspringt unscheinbar im Gebirge, und das Wasser fließt leise auf dem Schnee hinab, um im Frühling als Sturzbach herunterzuschießen. In der Ebene fließt das Wasser gemächlicher dahin, aber es bleibt immer das Wasser, das in der Höhe entsprang und das sich schließlich ins Meer ergießen wird.

So ist es auch mit unserem Ja: Es ist eine Quelle, die man am Anfang - sei es zögernd, sei es kraftvoll - ans Licht kommen sieht. Es ist ein Wasser, das man friedlich dahinströmen sieht, wenn die Ewigkeit in Sicht kommt - aber es ist und bleibt das gleiche Ja, heute, morgen und im Augenblick der Hochzeit.

Kinder - ein Reichtum, der sehr viel fordert

Neun Monate lang bereitet man sich auf die Ankunft eines Kindes vor. Eltern und Geschwister warten. Man erlebt etwas, was gewissermaßen mit dem Mysterium des Advents vergleichbar ist. Hinter dem sich wölbenden Leib wächst eine Welt heran, die größer ist als unser kleiner Planet. Um unsere Erde, kommt man schnell herum. Wie viel Zeit ist dagegen nötig, um das Geheimnis zu durchleuchten, das die Tränen oder das Lächeln eines Kindes einhüllt!

Paradoxerweise sind die Kinder unser Reichtum, weil sie von uns Zeit, Anstrengungen und Geld fordern, aber gerade weil sie von uns viel fordern, offenbaren sie uns den wahren Reichtum, nämlich unsere Fähigkeit zum Geben und sich Hingeben. Sicher, Kinder müssen erzogen werden, aber paradoxerweise wird es gerade das Kind sein, daß zu unserem Erzieher wird. Es ist nämlich Träger zahlreicher Botschaften.

Indem wir ihm aufmerksam zuhören, werden wir entdecken, daß das Kind ein Prophet ist: Es kann uns den Sinn des Lebens, der Liebe, der Zeit und des Todes offenbaren. Es kann uns zeigen, daß, obgleich wir die Eltern sind, wir grundsätzlich die Geschwister unserer Kinder sind. Kurz, unsere Kinder sind für uns Meister.

Der Mensch lernt durch Nachahmung

Es liegt auf der Hand, daß die Erziehung an die Eltern große Anforderungen stellt, denn wir erziehen mit unserer ganzen Person, mit unserer Seele, unserem Herzen und unserem Leib. Nur so kann eine erzieherische Bindung entstehen, die zugleich affektiv und geistlich ist. Durch unsere ganze Person lehren wir deshalb, weil die Kinder durch ihre ganze Person lernen. Vom anthropologischen Standpunkt aus ist das Kind ein Wesen der “Mimesis", ein nachahmendes Wesen.

Mit Hilfe seines ganzen Körpers nähert es sich immer mehr dem Verstand. So nimmt es die Realität auf und gibt sie durch sein Spiel wieder. Die Kinder ahmen nach, das heißt, sie werden eins, mit all dem, was sie sehen und hören. Und diese Nachahmung verwirklicht sich durch den ganzen Körper.

Ich hatte das zwar in den Büchern gelesen, aber erst das Leben hat es mir wirklich beigebracht. Als ich eines Abends nach Hause kam und die Treppe des Hauses hinaufging, hörte ich schallendes Gelächter, das aus dem Haus kam. Die Kinder aßen zu Abend. Als ich die Stufen weiter hinaufging, fragte ich mich nach dem Grund ihrer Heiterkeit. In der Küche wurde mein Verdacht bestätigt: Unser fünfjähriger Sohn, der auf einen Hocker gestiegen war, hatte ein Buch genommen und gab eine philosophische Vorlesung vor seinen entzückten Geschwistern, indem er seltsame Ausdrücke benutzte, die er aus dem Mund seines Vaters gehört hatte. Übrigens gab es mir einen kleinen Stich, daß nicht nur die Kinder lachten, sondern auch ihre Mutter!

Indem das Kind seinen Vater nachahmte, versuchte es, derjenige zu sein, den man so schwer kennt: es selbst. Die Kinder können nichts anderes tun als uns nachzuahmen.

Das Geschenk des Lebens ist der Liebe anvertraut

Das Kind bringt uns noch etwas über unseren Ursprung in Erinnerung, indem es uns zeigt, daß das Geschenk des Lebens der Liebe anvertraut ist und es überhaupt erst verständlich macht. Ohne das Geschenk des Lebens wird das Leben unbegreiflich. Nicht zufällig wächst heute bei vielen das Gefühl der Sinnlosigkeit. Da sie nicht mehr Leben schenken wollen, bleibt ihnen der Sinn des Lebens in seinem tiefsten Wesen verschlossen; denn das Leben ist ein Geschenk. Sie verstehen sich selbst nicht mehr als das Ergebnis dieser Hingabe: Sie sind überflüssig. (In der Tat ist in dieser Perspektive jede Person überflüssig).

Letztlich sind wir alle Kinder

Als wir vor einigen Jahren, die Ferien bei meiner Mutter verbrachten, beobachtete unser ältester Sohn wie seine Großmutter ihren Haushalt führte. Dann nahm er sie bei der Hand, führte sie zu mir, ihrem Sohn, und stellte ihr die folgende, sehr einfache Frage: “Sag mal, Großmutter, wer ist hier der Chef?" “Also, ich," antwortete die Großmutter, “mir müssen die Kinder gehorchen". “Aber", fährt mein Sohn fort, “mein Papa ist doch dein Sohn, nicht wahr?" “Allerdings," antwortete meine Mutter, die die Gefahr schon zu erkennen begann. Darauf das Kind: “Warum gibst du deinem Sohn dann nicht den Befehl, mir keine Befehle mehr zu geben?"

Diese - durchaus subversive - Schlußfolgerung enthält eine sehr treffende Intuition: Die mit der Vaterschaft verbundene Autorität wird nur auf Zeit ausgeübt - und weil man im Dienst der anderen steht. Es zeugt von einem gesunden Seelenzustand, wenn ein Kind begreift, daß diese zwar nicht zu bezweifelnde Autorität übertragbar ist. Wenn eines Tages das Kind groß ist, wird es diese Autorität ausüben können und müssen.

Dank der Großeltern ist die elterliche Autorität an den ihr gebührenden Platz gestellt. Die Männer können nur deshalb Väter sein, weil sie auch Söhne gewesen sind. Wir geben alles weiter, was wir bekommen haben. Das bedeutet nichts anderes, als daß wir nicht die Schöpfer unserer Kinder sind. Der wunderbare Reichtum der menschlichen Vaterschaft besteht darin, daß sie eine göttliche Leihgabe ist.

Für jedes Kind die ganze Liebe

Jedes Kind beansprucht für sich die ganze Liebe seiner Eltern. Das fordert die Logik heraus, da wir jedem Kind sagen müssen: “Du bist das allerliebste."

Es kommt also darauf an, jedem Kind verständlich zu machen, daß es ganz einzigartig ist, daß es also verdient, genauso wie die anderen geliebt zu werden. Dieses Paradox enthält ein Erziehungsprinzip: Es hindert jeden daran, auf den Bruder eifersüchtig zu sein. Und es führt jeden dazu, sich dem Geheimnis der Liebe hinzugeben, die alle Gesetze der Arithmetik übertrifft. Die Zahl der Kinder hat keine Aufteilung der elterlichen Liebe unter den Geschwistern zur Folge. Jedes Kind macht das Herz seiner Eltern größer und jedes genießt oder - besser - muß das Ganze ihrer Liebe genießen.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität in Paris, sein Beitrag ein Auszug aus einem seiner Vorträge beim Symposium der Bewegung Hauskirche am 10.3.2002 am Sonntagberg.

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