VISION 20001/2003
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Träger der Hoffnung für andere werden

Artikel drucken Echtes Mitleid als Königsweg, Menschen aus tiefster Hoffnungslosigkeit herauszuhelfen (Gespräch mit Maria Loley)

Maria Loley hat ihr Leben in den Dienst ihrer Mitmenschen gestellt: als Sozialarbeiterin, Familienberaterin, Betreuerin schwer Depressiver und noch in der Pension als Anlaufstelle für viele Ratlose - um ihnen Hoffnung zu vermitteln.

Trifft man die Hoffnungslosigkeit in allen Schichten an?

Maria Loley: In allen, vielleicht sogar in jenen, die nicht von äußerer Not geplagt sind, besonders stark. Die Leere der materiellen Befriedigung schürt die Hoffnungslosigkeit geradezu. Je reicher - insofern man im Materiellen alles Glück sucht -, umso schneller hoffnungslos. Solche Menschen genießen sich vielfach zu Tode. Hoffnungslosigkeit ist ein weit verbreitetes Phänomen - aggressiv-offen, resigniert oder bis in den Selbstmord treibend.

Wenn es nun so viele Hoffnungslose gibt - wie kann man ihnen Hoffnung vermitteln?

Loley: Ich muss selber Hoffnungsträger sein. Wenn ich in der Hoffnung feststehe, ergibt sich eine geistige Wirkung, die sich auf den anderen überträgt. Dann wirkt der Heilige Geist. Diese Übertragung ist also nicht zunächst ein Seelenakt von mir. Vielmehr begegne ich dem Hoffnungslosen mit der Hoffnung, die mich erfüllt.

Welche Hoffnung erfüllt Dich, Maria?

Loley: Die Hoffnung, von Gott nie im Stich gelassen zu werden, von Ihm jeweils das zu bekommen, wessen ich bedarf, entsprechend der Zusicherung Jesu in der Bergpredigt: Euer Vater weiß, was ihr braucht. Diese Zuwendung Gottes ist unauslotbar. Ich vertraue darauf: Gott weiß um mich, und Er gibt.

Ist das ein intellektuelles Wissen?

Loley: Das ist eine Gewißheit, eine Wirklichkeit, die mich durchdringt, die in mir lebt.

Und das lässt sich vermitteln?

Loley: Dies geschieht zunächst durch Mitleid, also durch Teilnahme an dem, was den anderen betrübt, an dem, worunter er leidet. Es setzt voraus, dass ich mich von anderen betreffen lassen, dass mir seine Last nicht gleichgültig ist. Ich muss offen sein für das, was den anderen schmerzlich bewegt, ihn leiden lässt. In diesem Offensein geschieht etwas Besonderes: ich hebe das Alleinsein des anderen auf. Da entsteht dann eine Kommunikation, und der andere findet bei mir Zugang. Das geht nicht über den Intellekt. Wenn Gott in mir ist, dann bewirkt der Heilige Geist auf unbegreifbare Weise diesen Vorgang.

Stehen Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit in so enger Beziehung?

Loley: Sehr wohl. In der Einsamkeit kann der Mensch letztlich nicht überleben. Ich weiß das aus Begegnungen mit Menschen, die in ihrer Einsamkeit bereits am Rande sind, in einer Situation vollständiger Hoffnungslosigkeit. Für viele ist der Sprung in den Selbstmord nur ein kleiner Schritt. Oft fügt Gott auf wunderbare Weise, dass man jemandem in dieser entscheidenden Phase begegnet. Dann heißt es allerdings, bereit zu sein, das eigene Leben einzusetzen, um mitzuleiden. Und da muss ich ergänzen: Jeder Mensch hat die Fähigkeit zum Mitleid, der Teilnahme an der Not eines anderen. Wenn der Mensch diese Fähigkeit durch Egoismus abwürgt, dann findet in ihm ein tragischer seelischer Selbstmord statt.

Ist Bedauern eine Vorstufe des Mitleids?

Loley: Beides hat eigentlich nichts miteinander zu tun. Bedauern sehe ich als eine Art gesellschaftlicher Konvention an. Das gehört zum guten Ton. Viele meinen, sie haben ihr Bedauern ausgedrückt, und das reiche, weil sie dem anderen ohnedies nicht helfen könnten. Es tut einem der andere zwar leid - aber tschüß! Mitleid hingegen bleibt beim anderen. So wie der gute Samariter. Er nimmt den von Räubern Zusammengeschlagenen wahr - und lässt sich von der Not betreffen. Ich muss also bei der Not stehenbleiben können. Und diese Teilnahme verlangt dann Konsequenzen: Der Samariter spendet Erste Hilfe, er transportiert das Opfer in die Herberge und er zahlt für die weitere Betreuung. Er hat also keine Alibi-Handlung gesetzt. Ein Erlebnis, das ich hier im Krankenhaus hatte: Ich frage eine Frau, ob sie heute noch  Besuch bekomme. "Mich besucht niemand", antwortet sie. Darauf habe ich ihr gesagt: "Ich werde sie besuchen. Solange ich da bin, komme ich und setze mich zu Ihnen." Das war eine winzige Geste. In diesem Moment ist es für die Frau etwas lichter geworden. Nach einigen Tagen ist mir übrigens aufgefallen, dass diese Frau - sie hatte nach einem Schlaganfall Probleme beim Reden - angefangen hat, besser zu sprechen.

Man kann also durch mitleidendes Begleiten Hoffnung vermitteln ...

Loley: Ich könnte viele ähnliche Beispiele einer Umkehr zur Hoffnung anführen. Ich denke an eine Mutter von drei Kindern, die zu mir kam, um mir zu sagen, sie werde heute Selbstmord begehen, weil sie einfach nicht mehr kann. Um die Kinder werde sich schon jemand kümmern. Das war irgendwie ihr letzter Versuch, aus ihrer Not herauszukommen. Schlägt so ein Versuch fehl, dann ist der Selbstmord nicht aufzuhalten. Ich habe das mehrmals tragisch erlebt.

Was bewirkt nun aber eine solche Umkehr?

Loley: Dass man einen Menschen findet, der in der Hoffnungslosigkeit bei ihnen bleibt, der sie im Gebet begleitet, bis diese Hoffnungslosigkeit sich schrittweise abbaut. Eine solche Umkehr funktioniert nicht auf Knopfdruck, weil das Elend ja tief in die Seele, in das Unterbewußtsein eingedrungen war. Das braucht oft lange Zeit, bis die Hoffnung wirklich tragfähig wird.

Was macht die Hoffnung tragfähig?

Loley: Die Treu, die ich dem anderen schenke, der Verzicht darauf, Erfolg haben zu wollen. Etwa unter dem Motto: Jetzt habe ich Dir geholfen, jetzt muss es funktionieren. Das ist nicht die Haltung eines Hoffnungsträgers. Ich muss solange dranbleiben, bis der Betreffende vielleicht nur mehr sporadisch kommt. Oft habe ich erlebt, dass es langsam zu einer Distanzierung kommt. Das ist nicht negativ gemeint. Bei den selten werdenden Begegnungen hört man dann oft: "Ich würde nicht mehr leben, wenn wir uns nicht getroffen hätten."

Und wie ist da Gott im Spiel?

Loley: Aus eigenem guten Willen erschöpft sich der Mensch sehr rasch. Ich kenne viele, die sagen: "Ich bin ausgebrannt, ich halte keinen Notleidenden mehr aus." Das ist bloß die natürliche Ebene. Wenn ich aber mit Gott lebe, ist auch Seine ganze Fülle in mir. Dann ist die liebevolle Begegnung eine, in der Gott anwesend ist. Insofern ist sie Quelle für mich und für den anderen. Ich lebe dann aus der Kraft, die Gott meiner Hoffnung innewohnen lässt. Ich bin es, der hofft, aber Gott ist die Kraftfülle meiner Hoffnung. Und sie teilt sich unsichtbar mit. Wie Er wirkt - das kann ich wahrnehmen, aber im einzelnen nicht nachvollziehen. Wie bei einer Blume: Ich sehe sie wachsen, aber die einzelnen Wachstumsbewegungen kann ich nicht festhalten.

Geschieht in einer solchen Umkehr zur Hoffnung auch ein Erwachen des Glaubens?

Loley: Sehr oft. Wenn der andere sagt: "Sie haben mir neue Hoffnung gegeben", dann versäume ich nicht zu sagen: "Der uns die Hoffnung gibt, ist Gott. Ich habe Ihnen das wohl übermittelt und ich bin froh, Ihnen so verfügbar zu sein. Aber die Kraft kommt von Gott." Dieses Zeugnis trifft den anderen meist in dem Bereich, wo er einen Impuls gebraucht hat, um zu Gott zu finden. Viele sagen dann: "Ich bete wieder" oder "Ich lese in der Bibel." Sehr oft schenke ich bei solchen Gelegenheiten eine Bibel. Eine Schwerst-Depressive sagte mir: "Ich lese zwei Stunden in der Bibel. Dann geht es mir wieder besser."

Hast Du viel Erfahrung mit Depressionen?

Loley: Ich habe viel mit Depressiven zu tun gehabt. Im Umgang mit ihnen habe ich sehr viel gelernt. Im Zuhören, im Anschauen, in der stillen Begleitung, in der Begegnung mit dem Blick, in kleinen und kleinsten Schritten kann eine Annäherung an einen Depressiven erfolgen. Dabei habe ich die Seele des Depressiven tief kennenlernen dürfen und erkannt: Der Normalverbraucher hat keine Ahnung, wie sehr der Depressive in seiner tiefen Not leidet. Unsagbar. Er kann es nicht aussprechen. Es ist die Hölle, sagen manche. Und in diese Not muss man ihnen folgen können. Und wenn ein Gespräch zustandekommt und der Betreffende sagt: "Für mich gibt es nichts mehr. Mich versteht keiner. Ich kann keine Hoffnung mehr fassen", dann habe ich oft gewusst: Jetzt hat sich etwas geändert. Das habe ich meinem Gegenüber dann auch so gesagt. Und das lässt diesen aufhorchen. Dann sage ich ihm: "Ihre Not ist nicht mehr nur Ihre, es ist passiert, dass sie sich teilt. Ich trage an Ihrer Not mit, Sie tragen sie nicht mehr in ihrer vollen Last", sage ich entschieden. Ich sage das nicht nur. Wenn wir auseinandergehen, machen wir ein Wiedersehen aus. Ich begleite eine Schwerst-Depressive, die ich nie gesehen habe, nur über Telefon. Und diese Begleitung ist erfolgreich, weil diese Frau weiß, dass ich zu einer bestimmten Zeit ihren Anruf erwarte. Durch dieses "Ritual" lebt sie noch. Sie weiß: "Ich habe einen Menschen."

Eine ähnlich liebevolle Begleitung ist eigentlich in der Reichweite von jedermann.

Loley: Wir sind alle herausgefordert, dem Mitmenschen Mitleid entgegenzubringen, seinen Blick einzufangen. Uns begegnen Tag für Tag Menschen, die dieses Mitleid brauchen. Mögen sich doch aus unserer dem Tod geweihten Gesellschaft immer mehr Menschen herauslösen, um zu echten Mitmenschen zu werden, zu Menschen, die zu echtem Mitleid fähig sind. Dann muss ich aber auch bereit sein, Substanz zu lassen. Dann aber trifft zu, was Paulus sagt: Je mehr unser äußerer Mensch aufgerieben wird, umso mehr wird der innere Tag für Tag erneuert. Denn in meiner Hingabe empfange ich, was ich dem anderen Menschen mitteile.

Maria Loley hat die Bewegung "Mitmensch" (RLB: BLZ: 32.000, Kto.: 5933833, Maria Loley Sozialfonds) ins Leben gerufen. Mit ihr sprach Christof Gaspari.


 

 

 

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